Wieso soll die Stadt Immobilien kaufen, Kaspar Bopp?

Die Aussicht aus seinem Büro im Superblock ist unspektakulär – es sei denn, man steht auf Backsteinfassaden. Vielleicht hängt deshalb eine riesige Fotografie eines Bergmassivs an der Wand hinter seinem Schreibtisch. Vor dieser Kulisse spreche ich mit Kaspar Bopp über Kultur, Immobilienpreise und alternative Lebensentwürfe.

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Kaspar Bopp will nach 14 Jahren das Präsidentenamt für die SP zurückerobern (Bild: Robyne Dubief)

Kaspar Bopp, sie wollen Stadtpräsident werden. Damit wäre ihnen auch das Amt für Kultur unterstellt. Passend dazu schreiben Sie auf ihrer Webseite, sie wollen die kulturelle Teilhabe in der Stadt stärken. Wie planen sie das konkret zu tun? 

Oft scheitert es zum Beispiel an der Sichtbarkeit der Kultur. Hier spielt auch der Rückzug von gewissen Lokalmedien eine Rolle. Deshalb müssen wir die Kunstschaffenden, gerade in der Freien Szene, unterstützen, damit sie sich unter diesen neuen Umständen sichtbar machen können. 

Mit dem Kulturmagazin Coucou, das insbesondere mit seinem Kalender Kultur in der Stadt sichtbar macht, hat Winterthur ein Medium am Platz, das dieser Entwicklung entgegenwirkt. 2024 hat sich das Magazin um Kultursubventionen beworben, diese aber nicht erhalten. Ist ein Umdenken der Subventionsstrategie nötig?

Wie wir diese beschränkten Mittel verteilen, müssen wir immerzu überprüfen. Wir haben grosse Institutionen, die viel Geld erhalten, aber auch sehr wichtig sind. Dennoch müssen wir zusehen, dass sie die Kleineren und die freie Szene nicht verdrängen. Momentan macht Winterthur Förderung für einzelne Projekte sowie befristete und unbefristete Subventionsverträge. Dazwischen fehlt noch etwas, da müssen wir ansetzen. Das Coucou ist wichtig für die Stadt, ich bin auch selbst Abonnent. Die Diskussion vor zwei Jahren war, ob die Kultursubvention der Stadt das richtige Gefäss ist, um das Coucou zu fördern. Nach meinem Verständnis war es nie die Absicht, das Coucou generell nicht mehr zu unterstützen.

Kulturschaffende sind nur die eine Seite der Medaille, das Publikum ist die andere. In Zeiten von steigenden Preisen sind die persönlichen Finanzen eine Barriere für die kulturelle Teilhabe. Wo planen Sie dort anzusetzen?

Mit Angeboten wie der Kulturlegi gibt es diesbezüglich bereits Unterstützung. Wenn wir das Problem aber ganzheitlich und nachhaltig lösen wollen, müssen wir über die Kulturpolitik hinausblicken.

Das heisst?

Wir müssen die Kaufkraft der Bevölkerung stärken.  

Ein komplexes Thema – wie wollen sie das erreichen? 

Einer der aktuell entscheidendsten Punkte ist das Wohnen. Im November lehnte der Kanton die Initiative für ein kommunales Vorkaufsrecht ab, die Winterthurer Bevölkerung sprach sich aber dafür aus. Das ist ein klares Signal dafür, dass den Winterthurer:innen dieses Thema unter den Nägeln brennt und sie sich eine aktive Bodenpolitik wünschen. Damit können wir zu bezahlbaren Mieten beitragen und die Kaufkraft der Menschen stärken.

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Für den WNTI-Smartspider haben wir Kaspar Bopp nach seiner Zustimmung zu den verschiedenen Massnahmen gefragt. Bei der Schuldenfrage merkt er an, dass es momentan nicht möglich sei, die Nettoschulden zu senken. (Grafik: WNTI)

Wie sieht eine aktive Bodenpolitik konkret aus? 

Wir müssen aktiv Einfluss auf die Mietpreise nehmen, indem wir Immobilien kaufen und diese den Genossenschaften im Baurecht abgeben. Ohne Vorkaufsrecht heisst das aber, dass wir aktiv um Immobilien mitbieten müssen.  

Hat Winterthur denn das Geld, um am Immobilienmarkt bestehen zu können? 

Die Stadt ist äusserst kreditwürdig – deshalb hat sie keine Probleme, an Geld zu kommen. Um der Schuldenfrage zuvorzukommen: Winterthur hat sich nie über den Konsum verschuldet, sondern immer über Investitionen und Infrastruktur. Wir haben immer etwas für das Geld bekommen. Auch in diesem Fall würden diese Immobilien ins Vermögen der Stadt aufgenommen. Zudem würden bei der Abgabe im Baurecht zu Marktkonditionen auch Erträge entstehen. Unter dem Strich wären solche Investitionen für den Haushalt nicht nachteilig. 

Mit der Stadt würde also eine zahlkräftige Partei um Immobilien und Boden mitbieten. Besteht dadurch nicht das Risiko, die Preise zusätzlich anzuheizen? 

Das ist natürlich nicht das Ziel. Es ist wichtig, dass wir einen guten, aber fairen Preis bieten, mit dem wir Chancen auf den Zuschlag haben. Das muss fachlich gut umgesetzt werden. Wir werden natürlich keine Grundstücke zu Preisen kaufen, die nicht angemessen sind. 

«Es braucht in Winterthur Orte, an denen alternative Lebensentwürfe realisiert werden können.»

Kaspar Bopp, Stadtpräsidentschaftskandidat (SP)

Ein Haus, das die Stadt Winterthur im Baurecht abgegeben hat, ist das «Helvetia-Haus» beim alten Viehmarkt. Zuvor war das Haus besetzt. Mit der «Gisi» steht zurzeit ein anderes, noch immer besetztes Haus im Fokus. Es verbindet ihre beiden Themen Kultur und Wohnraum. Was sind ihre Gedanken dazu? 

Das Haus gehört der SKKG. Als Stadt müssen wir respektieren, dass es mit ihr eine Eigentümerin gibt, die ihre Pläne umsetzen will. Andererseits gehört es in jeder Stadt dazu, dass es Orte gibt, an denen alternative Lebensentwürfe realisiert werden können. Es braucht auch in Winterthur solche Räume – idealerweise in einem legalen Verhältnis, wie in der Helvetia. 

Indem die Stadt diese Häuser kauft?

Ich schliesse nicht per se aus, dass die Stadt in Zukunft solche Häuser erwirbt und im Baurecht an die Bewohner:innen abgibt. Aber auch das ist eine Frage des Preises, des geltenden Rechts und auch der Zonierung. 

Die Zonierung war auch bei Sanierungsplänen rund um den Camping Schützenweiher Thema. Gegen die Pläne der Stadt wurde das Referendum ergriffen. Die dafür verantwortliche Interessensgemeinschaft monierte unter anderem, dass mit einer Umzonung hätte verhindert werden können, dass die 20 Dauercamper:innen ihren Wohnort verlieren. Wie stehen sie dazu? 

Zuerst: Hier würde es sich nicht um eine Umzonung handeln, sondern um eine Einzonung. Das kann die Stadt nicht alleine entscheiden und unsere Expert:innen schätzen dies als aussichtslos ein. Dass die Dauercamper:innen gehen müssen hat nichts mit dem Projekt zu tun. Im Gegenteil, wir haben diese Situation nur über eine längere Zeit geduldet, weil wir wussten, dass die Sanierung kommen wird. Dauercampieren ist schlicht nicht zulässig und entspricht auch nicht dem Vertrag, den die Stadt mit den Betreiber:innen des Platzes hat – das wissen diese auch. 

«Es braucht in Winterthur Orte, an denen alternative Lebensentwürfe realisiert werden können.»

Kaspar Bopp, Stadtpräsidentschaftskandidat (SP)

Würden sie also die Betreiber:innen in die Verantwortung nehmen? 

Mir ist nichts zu Ohren gekommen, dass die Betreiber:innen den Dauercamper:innen etwas Falsches versprochen hätten. Aber wenn die dort wohnenden Menschen aus allen Wolken gefallen sind, dass ihre Wohnsitznahme nicht zulässig ist, wurden sie zumindest unzureichend informiert. 

Zum Schluss: Wie schätzen Sie eigentlich Ihre Chancen ein, die Wahl zum Stadtpräsidenten zu gewinnen? 

Gut – denn wenn man das Abstimmungsverhalten der Winterthurer:innen in den letzten Jahren betrachtet, macht es Sinn, einen Präsidenten zu haben, der die Politik der rot-grünen Mehrheit glaubhaft vertreten kann. Ich habe in den letzten sechs Jahren gezeigt, dass ich die Fähigkeiten, das Wissen und das Gespür für diese Aufgabe habe. Ich kann, ich will, nun muss ich noch dürfen.

WNTI-Portrait-Sebastian-Galli

Seba studiert in Winti Journalismus, weiss wie man ein Bier zapft, verbringt seine Wochenenden gerne auf der Schützi und kennt in Winti allerhand spannende Figuren. Seba ist ein Urwinterthurer, aufgewachsen ist er in Veltheim. Nur eines fehlt ihm für den Winti-Ritterschlag: Geboren ist er im Triemli in Zürich.

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