Ein sarkastischer Blick auf die Winterthurer Wahlwerbung
Je näher der Abstimmungstermin, desto mehr Werbung wird dir in deinen Feed gespült. Das zeigte kürzlich eine Studie der ETH. Und: Je öfter ein Post angezeigt wird, der eine Initiative befürwortet, desto eher wird diese angenommen.
Zwar sagt die Studie nichts darüber aus, ob dieser Zusammenhang auch bei Wahlen besteht, doch klar ist: Die Winterthurer Parteien haben in diesem Wahlkampf einiges an Werbematerial produziert. Hochglanz sind dabei allerdings oft nur das Papier der Flyer – ein sarkastischer Blick auf die Wahlwerbung der Winterthurer Parteien. Von links nach rechts.
AL
Die Alternative Linke kommt mit der grafisch hübschesten Werbung daher. Die pinken Linken schiessen dabei sogar über das Ziel hinaus – Die kleine Broschüre hat die Aura eines Ausstellungs-Flyers, den man nach dem Besuch in einem hippen Museum mitnimmt, bevor man ihn zu Hause auf einen Tisch legt und nie mehr anschaut. Das «Wo ist der linksalternative Stereotyp?» im Schwimmbad «Wolfi» zeigt die wohl zahmste Besetzungsfantasie aller Zeiten. Bleibt nur noch abzuwarten, ob die AL auch an der Urne baden geht.
SP
Die Wahlbroschüre der SP ist optisch zwar ansprechend, versprüht allerdings den Charme eines Versicherungsprospekts. Rot, Schwarz, Weiss – alles schön einheitlich und normiert. Auch die Fotos der Kandidierenden. Gegenüber dem Vorwurf, die SP sei zu einer Partei der Akademiker:innen verkommen, wirkt ihre Broschüre wie eine Kapitulationserklärung. Immerhin passt der didaktische Ton zur hohen Anzahl an Lehrpersonen auf der Liste.
Ein Detail – aber als Partei, die sich für Kultur und Arbeitsbedingungen starkmacht, wäre es keine Schande gewesen, statt einer KI eine lokale Illustrator:in für diese Grafik zu engagieren.
Grüne
Statt einer Broschüre setzten die Grünen auf eine «Wahlzeitung». Also ein einziges, aber immerhin doppelseitig bedrucktes A3-Papier. Aber nicht nur im Umfang, sondern auch im Niveau der Texte gleicht es eine Schüler:innezeitung. Damit haben die Grünen etwas mit WNTI gemeinsam – dieser Vorwurf wurde auch schon gegen diese Redaktion erhoben. Trockene, aneinandergereihte Ellipsen lösen szenische Beschreibungen summender Bienen ab.
Dass die Kehrseite nicht als Poster fungiert, ist eine verpasste Chance – nicht alles muss direkt in der Recyclingstation landen. Wiederverwertet haben die Grünen allerdings das Set ihres Fotoshootings: Auf der Rückseite prangt eigentlich das gleiche Foto wie auf der Vorderseite. Auch bei den gestellten Sujets bleibt die Partei ihren ökologischen Wurzeln treu, denn hölzern sind beide.
GLP
Der Prospekt der Grünliberalen lässt vermuten, dass sich unter dem grünen Lack halt doch ein liberaler Kern verbirgt. Wie die FDP setzt die Partei auf einen aufklappbaren Flyer, übertrifft ihre hellblauen Kamerad:innen aber noch im Umfang: Statt drei gibt es ganze vier Seiten – und das, obwohl die FDP dreimal so viele Kandidat:innen porträtiert. Very Business sind auch bei der GLP die Fotos der Kandidierenden. Unter allen prangen deren Social-Media-Logos – vor allem LinkedIn. Blöd nur, kann man ein Papier nicht anklicken.
EVP
Während die SP und die GLP auf viel Text setzten, sprintet die EVP in die andere Richtung. Positionen? Forderungen? Egal, Gesichter auf Hochglanzpapier! Immerhin zeigt die EVP potenziellen Wähler:innen gleich selber, wie sie eine andere Partei wählen können.
Auf Instagram hoffen sich die Christen göttliche Hilfe und setzen auf KI-Jesus. Der scheint sich die Anleitung der Partei zu Herzen genommen zu haben – denn er schielt auch der auf alle anderen Parteien als die EVP.
Die Mitte
Ausser, dass die Mitte ihre Kandidierenden als «unsere Crew» bezeichnet und mit diesem Versuch der «Jugendsprache» ihr eigenes Nachwuchsproblem gleich selbst offenlegt, ist der Flyer der Partei so weit unspektakulär. Spannender ist hier ein Blick auf ihr Instagram-Profil. Statt auf KI-Jesus setzt man hier voll und ganz auf Andreas Geering. Denn dieser scheint die komplette Social-Media Strategie zu sein.
FDP
Den Freisinnigen wollen, dass du wirklich, aber auch so wirklich wirklich weisst, dass sie ganz viele Leute mit Jackett auf ihrer Liste haben – und gewinnen dabei den Preis für das unübersichtlichste Wahlplakat des Jahres.
Quartierladen, Marktstand und KMU – diese Arbeitsplätze seien das Rückgrat des Wohlstands, schreibt die FDP in ihrem Prospekt. Welch gewichtige Worte, welch bodenständige Werte! In Winterthur gibt es demnach scheinbar keine KMU für Animation. Denn auf Instagram setzt der Freisinn lieber auf KI-Slop statt lokales Kunsthandwerk und lässt sich ihre Wahlanleitungsvideos rasch generieren – und vergisst dabei, dass Social Media im Hochformat funktioniert.
SVP
Die Wahlwerbung der SVP ist wenig, wenn nicht verlässlich, kommt sie doch seit Jahren immer gleich daher. Nicht wirklich hübsch, nicht wirklich übersichtlich, aber mit grosser Schrift und roten Kreuzen und grünen Haken, sodass auch schon vor der Lektüre klar ist, wie man am besten wählt. Selbstverständlich fehlt auch der überspitzte Appell an die ältere Generation nicht. Denn wusstest du, dass du bald dein Grosi nicht mehr besuchen darfst? Und der Staat daran Schuld ist?
Zusammen mit der FDP und der Mitte macht sich die SVP gerne für Sicherheit, Recht und Ordnung stark. Mit dieser Tradition scheinen die bürgerlichen Parteien nun brechen zu wollen. Zumindest im digitalen Raum, denn dort begehen sie ein veritables Verbrechen gegen die Sinne. KI‑generierte Bildern, die so alt daherkommen, dass sie beinahe schon retro sind, und ein Hashtag, der nur von jemandem stammen kann, der die Jugend mit erwachsen sein wollen verbracht hat.
Auf «hippe», «coole» und definitiv nicht gezwungene Art und Weise werben die Parteien für mehr Respekt im öffentlichen Raum.
Seba studiert in Winti Journalismus, weiss wie man ein Bier zapft, verbringt seine Wochenenden gerne auf der Schützi und kennt in Winti allerhand spannende Figuren. Seba ist ein Urwinterthurer, aufgewachsen ist er in Veltheim. Nur eines fehlt ihm für den Winti-Ritterschlag: Geboren ist er im Triemli in Zürich.