«Traumjob» Stadtrat: Nicolas Galladé bewirbt sich um die fünfte Amtszeit
Warum der SP-Sozialvorsteher mehr Geld ausgibt, um zu sparen, zum Regierungsratsposten nicht Nein sagt und sogar der SVP-Wohninitiative etwas abgewinnen kann.
Nicolas Galladé, wir sollen noch dieses Jahr über den Ausbau des Alters- und Pflegezentrum Adlergarten abstimmen. Eigentlich war in den Legislaturzielen bereits der Baustart geplant?
Rückblickend hätten wir das Ziel bei der Festlegung der Meilensteine in den Legislaturzielen nochmals hinterfragen müssen. Realistisch wäre wohl gewesen, noch in dieser Legislatur die Volksabstimmung zu erreichen. Für sie ist nun der Termin im September angepeilt.
Der Ausbau ist auch nötig, weil er als Rochadefläche dienen soll, um drei andere städtische Altersheime sanieren zu können. Deren Bewohner:innen werden vorübergehend in den Adlergarten umziehen. Kommt es da nicht zu Verspätungen bei den weiteren Projekten?
Für die Versorgung wird das kein Problem sein. Wir stellen mit den städtischen Alters- und Pflegezentren etwas mehr als die Hälfte der Plätze und halten diese konstant. Sie sollen als Sockelangebot dienen, ergänzend zu den privaten Anbietern. Die zyklische Erneuerung unserer Heime geschieht vor allem, um sie heutigen und künftigen Bedürfnissen anzupassen.
Winterthur hat kantonsweit die höchste Sozialhilfequote. Gleichzeitig sind wir eine der einkommensschwächsten Gemeinden, das Medianeinkommen liegt bei 50’000 Franken. Zahlen wir die Sozialhilfe für den ganzen Kanton?
Da spielen viele Dinge zusammen. Bei der Sozialhilfe wie auch bei anderen Kosten erbringen wir sehr viele Leistungen für den Kanton. Deshalb monieren wir als Stadtrat, dass sich der Kanton stärker an den Kosten beteiligen müsste. Das führte zum Beispiel dazu, dass wir ‒ zwar nicht direkt bei der Sozialhilfe, aber bei den Ergänzungsleistungen zur Altersvorsorge ‒ mehr Geld erhalten, in Winterthur sind das jährlich 15 Millionen Franken. Politisch war das durchsetzbar, weil viele Gemeinden hohe Ergänzungsleistungen zahlen. Bei der Sozialhilfe ist es eine andere Sache ‒ da gibt es viel grössere Unterschiede zwischen den Gemeinden.
Gibt es auch Sparpotenzial?
Vor zehn Jahren kam der saloppe Spruch aus dem Parlament: «Sechs Departemente sparen und einer wirft das Geld zum Fenster raus.» Das war natürlich eine Anspielung auf die Sozialhilfe. Mittlerweile konnten wir mit dem Falllastprojekt zeigen, dass wir mit jedem in das Personal investierten Franken wieder 2,74 Franken zurückerhalten, weil die Qualität der Begleitungsarbeit zunimmt.
Trotzdem haben wir den zweithöchsten Steuerfuss im Kanton.
Aber wir haben ihn nicht, weil wir unverantwortlich mit dem Geld umgehen. Sondern weil wir in den eben genannten Bereichen überdurchschnittlich betroffen sind und die Verteilung der Kosten nicht fair ausgeglichen sind. Im Vergleich mit den zehn grössten Schweizer Städten sind wir punkto Steuerfuss auf dem zweit- oder drittbesten Platz.
Welches Rezept eignet sich am besten, um die Wohnungsnot in Winterthur zu lindern?
Auf lokaler Ebene haben wir verschiedene Hebel, zum Beispiel die Festlegung eines Prozentsatzes an gemeinnützigem Wohnungsbau, wie wir es bei der Lokstadt gemacht haben. Aber am Schluss wird es eine ganze Palette an Massnahmen brauchen. Auch bei der SVP-Initiative auf Stadtebene, die einen Einwohnervorrang für städtische Wohnungen fordert, muss ich sagen: Auf kleiner Ebene machen wir das in unserem Departement mit den 30 Wohnungen im Brühlgut, dem «Wohnen mit Service», bereits. Dort geben wir Winterthurer:innen klar den Vorzug.
«Wir müssen die Armut bekämpfen, nicht die Armen.»
Nicolas Galladé (SP), Stadtrat
Der «Landbote» bilanzierte über Sie «grosse Pflöcke eingeschlagen hat er nicht». Würden Sie dem widersprechen?
In meinem Departement kann man vielleicht keine grossen Bauprojekte präsentieren. Bei uns geht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ‒ und dass dort etwas nicht stimmt, merkt man erst, wenn es ihn nicht mehr gibt. Ich sehe durchaus «Pflöcke»: Am Falllastprojekt waren wir sieben Jahre dran, heute dient es als Messlatte für die ganze Deutschschweiz. Auch der Masterplan Pflegeversorgung ist so ein Projekt.
Sie haben ein Drittel Ihrer Lebenszeit im Stadtrat verbracht. Haben Sie noch Lust?
Es ist mein Traumjob. Migration, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Alterung der Bevölkerung ‒ das sind grosse Fragen, die auch auf Kantons- und Bundesebene viel besprochen werden. Wir als Stadt können da viel dazu beitragen, dieser Austausch hat mir immer Spass gemacht.
Und warum nicht Stadtpräsident?
Erstens hat die SP mit Kaspar Bopp einen hervorragenden Kandidaten fürs Präsidium. Und zweitens kann ich mir es nicht vorstellen, jetzt einfach das Departement zu wechseln. Genau weil mein Amt diese übergeordnete, politische Relevanz hat.
Mit Bund und Städten zusammenwirken könnten Sie auch als Regierungsrat. Ihr Name fiel, nachdem Jacqueline Fehr (SP) kürzlich bekanntgab, 2027 nicht mehr anzutreten.
Der Regierungsrat wäre sicher am nächsten an dem, was ich heute mache. Es ist nicht so, dass ich sage: «Es ist kein Thema.» Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.
Und was macht der private Nicolas Galladé?
Ich gehe gerne auf die Schützenwiese für den FCW, allerdings komme ich weniger spät wieder nach Hause als auch schon. Und ich lese gerne Zeitungen und Zeitschriften, am liebsten haptisch ‒ tut mir leid.
Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.
Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.