Baustopp und Bruderhaus-Debakel: Stadtratskandidierende im Praxistest

Am Donnerstag mussten die Kandidierenden am gemeinsamen Podium von Radio Stadtfilter und WNTI beweisen, wie gut sie in der Behörde zusammenarbeiten können. Und ob sie die nötige Prise Humor für das Amt mitbringen.

20260219_Stadtratspodium_Stadtfilter_WNTI_Nick Eichmann (9)
Rund 100 Personen folgten der Einladung von Radio Stadtfilter und WNTI zur dritten von vier Veranstaltungen zu den Wahlen. (Bild Nick Eichmann)

Anstatt munter mit Parteikolleginnen oder Bekannten zu schwatzen, waren die Kandidierenden in den letzten Minuten vor diesem Podium für einmal alle in ihre Dossiers vertieft. Moderator Florian Sieber von Radio Stadtfilter hatte die zehn Stadtratskandidierenden der Parteien am Donnerstag zu einer fiktiven Sitzung ins Kirchgemeindehaus an der Liebestrasse geladen. Der Inhalt: Krisenszenarien, die die Kandidierenden später auf der Bühne lösen sollten. Und zwar als Konkordanzbehörde, also in kollegialer Manier.

Gesagt, getan. Die beiden Präsidiumskandidaten Kaspar Bopp (SP) und Stefan Fritschi (FDP) durften ihren Wunsch-Stadtrat «wie früher beim Turnen» wählen. Und mussten danach ‒ zur Überraschung aller Beteiligten ‒ ihre Besetzung mit dem jeweils anderen tauschen.

Kaspar Bopp, Martina Blum (Grüne), Nicolas Galladé (SP), Christian Hartmann (SVP) und Romana Heuberger (FDP) wurden mit dem unerwarteten Fund eines bronzezeitlichen Massengrabs auf einer städtischen Grossbaustelle konfrontiert. Präsident Bopp verlor keine Zeit und berief auf der Bühne die Sitzung ein. Heuberger, die als Präsidentin der Stadtbaukommission notorisch mehr Mitwirkung bei Bauprojekten fordert, eröffnete mit gespieltem Erstaunen: «Ich hätte nicht gedacht, dass die Bevölkerung aus der Bronzezeit hier auch noch mitredet.» Nicolas Galladé schlug vor, am besten den Kanton mit einzubeziehen. Schliesslich sei dieser bei archäologischen Funden in der Pflicht. «Er soll am Schluss aber auch zahlen», fand der Sozialvorsteher, der für sein Departement immer wieder geltend macht, dass der Kanton viel vorschreibe, sich aber zu wenig an den Kosten beteilige.

  • 20260219_Stadtratspodium_Stadtfilter_WNTI_Nick Eichmann (44)
    Brachten nicht nur sich selbst zum Grinsen: Martina Blum (Grüne), Christian Hartmann (SVP), Romana Heuberger (FDP), Nicolas Galladé und Kaspar Bopp (SP) (v.l.). (Bild: Nick Eichmann)

Die Zahlungsbereitschaft von Zürich machte Christian Hartmann denn auch zur Bedingung für seine originelle Idee: Man solle doch ein Museum in die Planung integrieren, um die Funde an ihrem Ausgrabungsort auszustellen. Zudem schlug er vor, das Münzkabinett in die Bearbeitung des Falls mit einzubeziehen ‒ obwohl er als Parlamentarier zu Beginn der Legislatur noch einen Vorstoss unterstützt hatte, der die Münzsammlung ganz aus der städtischen Hand geben wollte.

Archäologische Funde gehörten allerdings nicht der Gemeinde, sondern per Gesetz dem Kanton, klärte Moderator Sieber das Gremium auf. Und wollte wissen, was sie denn tun würden, wenn Zürich versuche, Winterthur seinen Schatz zu rauben. Worauf Martina Blum prompt mit «Noch so gern!» antwortete, und sich auch der SVP-Kandidat für einmal ganz auf der Seite der Grünen-Stadträtin war. Denn die Betreuung eines solchen Fundes kostet ‒ Hartmann weiss das aus der Debatte rund ums Münzkabinett, Blum aus ihrer Erfahrung mit der Erstellung der Biketrails am Eschenberg. Dort wollte die Kantonsarchäologie 2023 ein Wörtchen mitreden (der «Landbote» berichtete).

Der «andere» Stadtrat mit Christa Meier (SP), Andreas Geering (Mitte), Franziska Kramer-Schwob (EVP), Urs Glättli (GLP) und Präsidiumsanwärter Stefan Fritschi (FDP) hatte es mit einem Ausbruch dreier Wölfe aus dem Gehege des Bruderhauses zu tun. Während eines Sturms an Neujahr sei eine Föhre auf den Zaun gestürzt, schilderte Florian Sieber die Lage. Die Wege zum Tierpark: zugeschneit. Die Stadtverwaltung: Von einer Grippe getroffen. Bereits meldeten sich Jäger freiwillig, um den Rüden das Handwerk zu legen. Was tue der Stadtrat in dieser waschechten Krisenlage?

Fritschi berief sein Gremium ein, und schon sprudelten die Ideen: Christa Meier trommelte die Landwirte aus dem Umland zum Schneepflügen in der Stadt. Andreas Geering rekrutierte den Zivilschutz, um bei den Aufräumarbeiten mitzuhelfen, und Franziska Kramer-Schwob bot die Pfadi auf, die beim Treiben der nun gefährdeten Weidetiere helfen sollten. Je länger die Sitzung, desto unterhaltender die Vorschläge der Stadträte: Geering schlug eine Express-Ausbildung für Hunde vor, um sie im Herdenschutz einzusetzen. Glättli erfand aus gegebenem Anlass die «Wölflinger Dorfet». Und Meier fand, die grosse Aufmerksamkeit der Presse könne man gleich nutzen, um einmal ein paar andere Dinge zu kommunizieren, die der Stadt wichtig seien. Präsident Fritschi legte sogleich einen Tarif für die Medien auf: Auskunft über die Wölfe nur noch gegen Bezahlung!

20260219_Stadtratspodium_Stadtfilter_WNTI_Nick Eichmann (58)
Andreas Geering (Mitte), Urs Glättli (GLP), Franziska Kramer-Schwob (EVP), Christa Meier (SP) und Stefan Fritschi lösten das Wolfsproblem (v.l.). (Bild: Nick Eichmann)

Moderator Florian Sieber musste den Versuchs-Stadtrat auf den Boden der Realität zurückholen: Die drei Raubtiere seien im Thurgau gesichtet worden, schon sprächen Wildhüter im Nachbarkanton davon, die Tiere «erlösen» zu müssen. Wie der Stadtrat gedenke, «unsere» Wölfe heile zurück ins Bruderhaus zu bringen? Sicherheitspolitiker Andreas Geering schlug vor, den Thurgauer Jägern Betäubungsmunition zur Verfügung zu stellen, und Stefan Fritschi meinte, die Fütterung im Bruderhaus sei derart gut, die Wölfe würden schon von alleine zurückkommen.

Danach beantworteten die Kandidierenden die ernst gemeinten Fragen des Publikums. Etwa, wie viel sich die Stadt die Polizeieinsätze anlässlich der FCW-Spiele kosten lasse (WNTI berichtete), wer wo sparen würde und ob man einen Stadtratsposten auch im Jobsharing besetzen könne. Gespannt?

WNTI-Portrait-Tizian-Schoeni

Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.

Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare