Das Münzkabinett muss abspecken

Die einen wollten die Sammlung gleich ganz loswerden, andere kämpften für den Verbleib der 53'000 Münzen in Winterthur. Nun legte der Stadtrat die neue Verordnung für das Münzkabinett «light» vor.

Gunnar Dumke hat das wohl schönste Büro Winterthurs: Meterhohe Fenster, barockes Interieur, Stuck an der Decke und ein Hundebett, in das sich Hündin Elise kuschelt.

Der Raum passt irgendwie zu seinem Beruf. Denn Dumke ist Schatzwächter eines der wertvollsten Kleinode der Stadt ‒ des Münzkabinetts in der Villa Bühler. Die Sammlung umfasst rund 53’000 Stücke und gilt als die Wichtigste antiker Münzen in der Schweiz. Auf knapp 60 Millionen Franken beziffert die Stadt ihren Wert.

Und trotzdem verordnete der Stadtrat dem Münzkabinett letzte Woche eine Verschlankung, und das Stadtparlament wollte die Sammlung gar ganz loswerden. Warum?

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Er lehrt, forscht, stellt aus und gibt Führungen: Numismatiker Gunnar Dumke. (Bild: Tizian Schöni)

Das Münzkabinett stand in den letzten dreissig Jahren immer wieder im Visier des Parlaments. Der aktuellste Vorstoss ist eine Motion von GLP, Mitte, FDP und SVP aus dem Jahr 2022, welche das Kabinett in eine «passende, gemeinnützige Trägerschaft überführen will». Oder, wie Dumke es formuliert: «Die komplette Schliessung und Abgabe der Sammlung an eine andere Institution.» Der Grund: Das Münzkabinett kostet die Stadt zwischen 550’000 und 700’000 Franken pro Jahr. Und lockte in den letzten Jahren kaum mehr Besucher:innen in die Ausstellung, der Tiefpunkt war 2020 mit 1563 Eintritten erreicht. Corona und der Umzug des Münzkabinetts hatten diesen Einschnitt verursacht.

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Das Münzkabinett ist in der Villa Bühler eingemietet. Die Liegenschaft im gleichnamigen Park gehört dem Kanton, der sie 2020 und 2021 massgeschneidert auf die Bedürfnisse der Sammlung umbaute. (Bild: Tizian Schöni)

Zur Veräusserung kam es bekanntlich nicht. Zwar wurde die Motion überwiesen und der Stadtrat legte zwei Jahre darauf eine Umsetzungsvorlage vor. Die Weggabe der Sammlung war darin aber vom Tisch. Stadtpräsident Michael Künzle (Mitte) hatte bereits in der Parlamentsdebatte gesagt: «Das haben wir alles auch schon abgeklärt». Nebst rechtlichen Schwierigkeiten habe weder das Landesmuseum noch der Kanton Bereitschaft gezeigt, die Sammlung zu übernehmen.

Denn zum Münzkabinett gehören nicht einfach nur ein paar Kisten voller Exponate, sondern eine umfassende Dokumentation und Archivwissen, das gepflegt werden muss. «Für die Museen wäre dieser Aufwand zu gross», erklärt Gunnar Dumke in seinem Büro. Zudem ist die Institution ein Kompetenzzentrum von internationaler Bekanntheit, wenn es um die Münzforschung geht. Dumke und seine Mitarbeitenden publizieren, arbeiten mit anderen Wissenschaftler:innen zusammen und lehren an Universitäten.

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«Wenn die Verordnung durchkommt, wäre es schön, etwas Zeit zu haben, um zu zeigen, was wir leisten können.»

Gunnar Dumke, Leiter Münzkabinett

Statt einer Veräusserung schlug der Stadtrat vor zwei Jahren deshalb ein Bündel an Sparmassnahmen vor, das ebenfalls aus früheren Abklärungen entwickelt worden war. Das Parlament folgte dieser Strategie «Münzkabinett light» einstimmig. Am Freitag präsentierte die Exekutive nun die entsprechende Verordnung. Dumke und seine Mitarbeitenden, insgesamt 430 Stellenprozente, sollen sich künftig auf die Vermittlung, ihre wissenschaftliche Arbeit und die Digitalisierung wie etwa den Online-Katalog zur Sammlung konzentrieren.

Diesen Zielen hat sich die Institution bereits weitestgehend angepasst. «Die Zusammenarbeit mit der Sammlung Winterthur oder dem Naturmuseum hat schon mein Vorgänger eingeleitet», sagt Gunnar Dumke. Dieses Jahr bietet er im Rahmen der Afropfingsten eine Führung zum Thema Kolonialgeld und Tauschgüter auf dem afrikanischen Kontinent an. 

Nebst den Eintritten finanziert sich das Münzkabinett mit Dienstleistungen zu einem Teil selbst. Der grösste Auftrag kommt vom Kanton, für den die Mitarbeitenden seit 40 Jahren alle Fundmünzen katalogisieren, aufbewahren und «wenn es sich lohnt» wissenschaftlich publizieren.

Die Öffnungszeiten der eigenen Ausstellung hingegen wurden gestrafft, dafür hält das Münzkabinett das in der Verordnung vorgegebene Kostendach von 650’000 Franken heute ein. Und die Besucher:innenzahlen liegen bei über 4000 Personen ‒ was vergleichbar sei mit anderen Münzsammlungen.

«Wenn die Verordnung durchkommt, wäre es schön, etwas Zeit zu haben, um zu zeigen, was wir leisten können», sagt der Museumsleiter. Und Elise im Körbchen winselt vor sich hin, als hätte sie die ganzen Umstrukturierungen rund ums Münzkabinett ebenfalls satt. Der Numismatiker deckt sie zu ‒ das Barock-Büro kommt an kalten Tagen nicht über 16 Grad. Das liegt aber an den alten Mauern, nicht am fehlenden Budget.

WNTI-Portrait-Tizian-Schoeni

Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.

Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.

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