Wahr gesagt

Paradies der Stehrumchen

Kraftorte von Martin Frischknecht

26-1 WN Kraftorte Madal Bal
(Bild: zvg)

In einer gewiss alten, aber keineswegs nur guten Zeit gab es etliche Läden, die liefen als «Handlungen». Für Eisen-, Strick- und Kolonialwaren. Daneben gibt es heute noch Handlungen, deren Angebot derart divers ist, dass der Name des Besitzers herhalten muss, um den ganzen Krempel auf einen Nenner zu bringen. «Otto's» mit über 140 Filialen operiert unter diesen Vorzeichen.

Was gibt es dort zu kaufen? Fast alles. Doch um das Sortiment in Erfahrung zu bringen, musst du rein in den Laden und die Gestelle von vorn bis hinten ablatschen. Vielleicht hast du was Bestimmtes gesucht, und es nicht gefunden. Mit leeren Händen trittst du in der Regel aber nicht zur Kasse. Weil es immer etwas gibt, das dich überrascht – und es grad so günstig war.

Madal Bal am oberen Graben ist so ein Laden im Taschenformat. Taschen gibt es dort ebenfalls zu kaufen. Aber auch farbiges Emaillegeschirr, Seifen, poppige Brillenetuis, Blech- und Kartonschachteln, Nippfiguren, Glückwunschkarten, flauschige Frottierwäsche, dicke Wintersocken … Wenn ich im Januar Geburtstag hätte, würde ich wohl regelmässig mit Zeugs von hier bedacht. Weil es nach etwas aussieht und den Geldbeutel wenig belastet. Es ergäbe sich eine Sammlung dessen, was in Deutschland liebevoll als «Stehrumchen» bezeichnet wird.

Die Leute von Madal Bal wollen mehr. Sie haben eine Mission. Ihr Guru lächelt von einem Bild neben der Kasse. Sri Chinmoy (1931–2007) war ein anspruchsvoller indischer Meister, der sich selbst unablässig zu Höchstleistungen antrieb. Beim Gewichtheben, beim Dichten, beim Musizieren, beim Tennisspielen, beim Malen – fortwährend übertraf er sich selbst.

Der Name des Ladens bedeutet «innere Kraft». Zu kaufen gibt es die zwar nicht. Doch die, die ihn betreiben, schreiten mit leuchtendem Vorbild voran.

Martin Frischknecht veröffentlicht «SPUREN – Magazin für Spiritualität und Ökologie» und praktiziert verschiedene Formen von Meditation. Zugezogen aus Zürich, fühlt er sich Winterthur heute so sehr verbunden, dass er die Kraftorte hier kennt.

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