Ein Widerspruch der Natur

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Wenn es ums Körnli-Picken geht, ist der Bahnhof Winterthur ein wahres Schlaraffenland. Besonders am Morgen regnet es Brösmeli im Takt. An einem solchen Morgen picke ich auf dem Perron von Gleis 7 friedlich vor mich hin. Auf dem Bänkli neben mir wettert eine Grossmutter: «Ruedi», sagt sie, «Nöchstmal seg ich ihre, dass mich das stört. Es stört mich, dass sie au go schaffe gaht und euse Sohn denn mit em Chind dihei isch.»

Ich zerkleinere das nächste Brösmeli in schnabelgerechte Stücke und frage mich, was genau sie daran stört, dass die Arbeit aufgeteilt wird. In meiner Welt ist es nämlich nichts Besonderes, dass der Vater bei den Nestlingen bleibt. Zwar legen nur die Täubinnen Eier, aber ab dem Moment des Brütens sind bei uns die Spiesse gleich lang.

Nach dem Schlüpfen erst recht: Dank des Hormons Prolaktin produzieren Taubenväter und -mütter beide Kropfmilch, die auch Taubenmilch genannt wird. Sie enthält Eiweiss, Fett und Wasser und bildet die erste und wichtigste Nahrung für unsere Küken. Ohne den Täuberich würde unser Nachwuchs keine paar Tage überleben, denn er wird erst in fast ausgewachsenem Alter flügge. Deshalb leben wir auch monogam.

In der Natur ist Monogamie nicht ein romantisches, sondern ein funktionelles Arrangement: Sie entsteht dort, wo beide Elternteile für das Überleben des Nachwuchses unverzichtbar sind. Das gilt für uns Tauben, für Albatrosse und Kaiserpinguine – aber nicht für Bären, Marienkäfer oder Delfine. Und anscheinend auch nicht für Menschen.

Zwar lebt der Grossteil der Menschen in monogamen Hetero-Beziehungen. Aber die Spiesse sind oft nicht gleich lang. Der Gesamtwert der unbezahlten Arbeit beläuft sich auf 434 Milliarden Franken. Laut dem Bundesamt für Statistik verrichten Frauen 2024 noch immer 61 Prozent dieser nicht-bezahlten Arbeit, die sich vor allem aus Haus- und Familienarbeit zusammensetzt. Mit jedem Kind steigt die Belastung der Frau.

Männer übernehmen ebenfalls unbezahlte Arbeiten zu Hause, vor allem im handwerklichen Bereich. Sie sind aber auch häufiger in Ehrenämtern und Vereinen tätig. Die Ursache für diese ungleiche Arbeitsaufteilung im Nest der Menschen ist vielschichtig. Aber eine sitzt hier hinter mir am Perron von Gleis 7: Wenn Menschen – insbesondere Frauen – von Frauen verlangen, in veralteten Rollenbildern zu verharren, verfestigt sich dieser Widerspruch. Denn ein monogam lebendes Wesen, bei dem nur ein Teil die Nest- und Nachwuchsarbeit übernimmt, ist ein Widerspruch zur Natur.

Illustrierte Stadttaube

Ob gurrend auf den Vordächern, im Brunnen vor dem Stadthaus badend oder Bretzel-Brösmeli-pickend am Bahnhof: Die Stadttaube ist überall dort, wo du bist. Und schnappt Schnipsel aus dem Stadtgemurmel auf. Hier teilt unsere Federfreundin ihre Gedanken dazu.

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