Einmal eine Magier:in sein – Faszination Rollenspiel in der «Nacht der Legenden»

Zum dritten Mal fand in der Alten Kaserne der zwölfstündige Rollenspiel-Event «Nacht der Legenden» statt – ein Bericht aus einer Welt voller Drachen, Zwergen und passionierten Menschen

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Zwölf Stunden lang spielten insgesamt 160 Leute Rollenspiele in der aten Kaserne. (Bild: Sebastian Galli)

So ungefähr könne eine der anwesenden Spieleiter:innen beschreiben, wie ich am Samstagnachmittag in der alten Kaserne angekommen bin. Bereits zum dritten Mal fand hier die «Nacht der Legenden» statt – ein zwölfstündiger Spielenachmittag, bei dem Interessierte Rollenspiele wie «Dungeons & Dragons», «Fabula Ultima» oder «Call of Chtullu» ausprobieren können. Organisiert wird der Anlass von der Illustratorin Yasmin König – zusammen mit der Alten Kaserne, dem Verein SwissRPG und der Besetzung der Web-Serie «Die Diceons», zu der Yasmin auch selber gehört.

«Ich bin kein Fan davon, dass die ‹Nerd-Kultur› kommerzialisiert wird»

Yasmin König, Organisatorin der «Nacht der Legenden»

Im Eingangsbereichsteht ein Tresen, bei dem Neuankömmlinge sich für eines der angebotenen Spiele anmelden können. Ein imposantes Bühnenbild – die überwachsene Mauer eines Verlieses – setzt ihn in Szene. Rollenspiele können komplex sein, Vorkenntnisse seien allerdings nicht nötig, sagt Yasmin. «Die Nacht der Legenden» biete auch blutigen Anfänger:innen die Möglichkeit, in das Hobby hineinzuschnuppern. Auch der Eintrittspreis ist mit fünf Franken niederschwellig. «Ich bin kein Fan davon, dass die ‘Nerd-Kultur’ kommerzialisiert wird», sagt Yasmin. Hier gehe es um das Hobby an sich. Entsprechend sieht das Programm aus: Von 12 Uhr Mittags bis um Mitternacht starten jede Stunde mehrere Spiele, in denen man in eine andere Welt eintauchen kann. Und Winterthur ist dem Ruf des Abenteuers gefolgt: Vom Schulkind bis zur Grossmutter – die Tische sind alle besetzt.

Etwa 160 Personen schlüpfen im Verlauf des Events in die Haut eines fiktiven Charakters. Dessen Fähigkeiten, Eigenschaften und allfälliger Besitz sind als Zahlen auf einem sogenannten «Charakterbogen» festgehalten. Während es zwischen den verschiedenen Rollenspielen Unterschiede gibt, entscheidet sich das Spielgeschehen bei den meisten durch Würfeln. Ein Barde möchte eine Wache überreden, ihn in die Burg zu lassen? Eine Berserkerin will eine verriegelte Türe aufbrechen? Wirf einen Würfel. Stimmt das Resultat, gelingt die Aktion. Falls nicht, müssen die Held:innen die Folgen ausbaden. Das klingt nach viel Rechnen – davon sollen sich Interessierte aber nicht abschrecken lassen, sagt Yasmin. «Denn Rollenspiele sind im Kern eigentlich eine kollaborativ erzählte Geschichte. Das bietet kreativ viel Freiraum.»

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Recht Marco Sanchez Yasmin König, im Hintergrund das selbstgebaute Bühnenbild von Die Diceons. (Bild: Sebastian Galli)

Den Rahmen für die Geschichte setzt die Spielleiter:in – ohne sie geht in den meisten Rollenspielen nichts. 42 sind an der diesjährigen «Nacht der Legenden» dabei. Vermittelt hat sie der Verein SwissRPG. «Wir sind sowas wie der inoffizielle Rollenspiel-Dachverband der Schweiz», sagt Präsident Marco Sanchez. Gegründet hatte der Verein Marcos Vorgänger aus dem Wunsch heraus, mehr Dungeons and Dragons zu spielen. Inzwischen ist der Verein allerdings weit über diese Ambition hinaus gewachsen. SwissRPG organisiert in verschiedenen Städten der Schweiz Spielgruppen – oftmals in Zusammenarbeit mit lokalen Bibliotheken.

Auf dem Papier hat der 2018 gegründete Verein nur drei Mitglieder, seine Community ist allerdings gigantisch. «Wir organisieren uns über die Online-Plattform Discord», erklärt Marco. «Dort haben wir über 6000 Mitglieder.» Es sei ein Ort, an dem sich Enthusiast:innen untereinander austauschen und vernetzen könnten. Manchmal entstehe daraus auch mehr als nur eine Spielgruppe. «Ich kenne Leute, die sich über uns kennengelernt und inzwischen zusammen eine Familie haben», sagt Marco. Dann verabschiedet er sich – er muss selbst noch ein Spiel leiten.

«Ich kenne Leute, die sich über uns kennengelernt und inzwischen zusammen eine Familie haben»

Marco Sanchez, Präsident Verein SwissRPG

An diesem Samstag gehen solche Spiele ein bis vier Stunden – ein «Probiererli». Unterteilt in mehrere «Sessions» dauern sie normalerweise Wochen, wenn nicht Monate. Im Falle von Nick auch Jahre. Er ist Spielleiter der «Diceons», einer Gruppe, die ihre «Dungeons and Dragons»-Runde filmt und als Webserie auf YouTube veröffentlicht. Wieso die Kameras? «Wir sind eine Gruppe von Leuten, die gerne Bühnenbilder baut, Spiele entwickelt und das Hobby Rollenspiele zusammen auf die Spitze treibt», sagt Nick. «Die Videos sind eigentlich nur eine Ausrede, um den Aufwand zu legitimieren», fügt er augenzwinkernd hinzu.

Danach ist es Zeit für einen Selbstversuch. Zwei Stunden später hat mein Krieger Rolf zusammen mit seinen treuen Gefährten Doom der Berserkerin und Aena dem Mönch erfolgreich einen bösen Phönix erlegt und die Welt vor dem sicheren Untergang bewahrt. Danach trete ich ihn die nasse Nacht hinaus und kehre in die Welt des Alltags zurück.

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Seba studiert in Winti Journalismus, weiss wie man ein Bier zapft, verbringt seine Wochenenden gerne auf der Schützi und kennt in Winti allerhand spannende Figuren. Seba ist ein Urwinterthurer, aufgewachsen ist er in Veltheim. Nur eines fehlt ihm für den Winti-Ritterschlag: Geboren ist er im Triemli in Zürich.

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