«Sometimes we have to accept that there is no way out.»

Eine Uraufführung im Theater Winterthur, eine junge Choreografin aus Italien und ein Thema, das uns alle betrifft.

Heute findet im Theater Winterthur eine Welturaufführung statt. Für das Gastspielhaus eine Besonderheit. «Meist laden wir bestehende Stücke ein oder spannen mit künstlerischen Partner:innen aus der Region zusammen. Hier Co-Produzent einer internationalen Produktion zu sein, freut uns sehr», erklärt Kirsten Barkey, die Leiterin Marketing und Kommunikation am Haus. Das nigelnagelneue Tanzstück «CHORA – the void as origin» wurde von Anfang an mit der Idee und dem Auftrag entwickelt, in Winterthur aufgeführt zu werden.

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Was leer schien, zeigt sich voller Leben. Die Auseinandersetzung mit dem Thema war für das ganze Team sehr intensiv. (Bild: Franziska Strauss)

Ich treffe die Choreografin Sofia Nappi hinter der Bühne. Sie hat nur kurz Zeit, da sie gleich zur Probe muss. Die 32-Jährige wirkt etwas müde, jedoch ruhig und sehr fokussiert. Normalerweise nehme sie sich Zeit, die Umgebung einer Produktion aufzusaugen, sagt sie. Diese Produktion sei von Beginn weg sehr stressig gewesen. Ein Tänzer verletzte sich in der Endprobenphase und musste ersetzt werden. Die Tanzkompanie hatte, bevor sie nach Winterthur kam, mit einem probeuntauglichen Studio und einem Wasserschaden zu kämpfen. Und obendrauf verlor die Choreografin genau in dieser Zeit ein Familienmitglied. «Schrecken war nicht mehr nur ein Thema, er wurde zur Realität», so die Italienerin. Im Stück geht es um Leere und die schöpferische Kraft, die ihr innewohnt. «Oft empfinden wir Zwischenraum als etwas Negatives und haben Angst davor. Wenn wir uns aber erlauben, einzutauchen, ihn auszuhalten und fokussiert bleiben, entstehen die Lösungen von allein», so Nappi weiter. Das habe sie während der Produktion am eigenen Leib erfahren.

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Sofia Nappi ist Choreografin und künstlerische Leiterin von KOMOCO, einer zeitgenössischen Tanzkompanie mit Sitz in Italien. (Bild: zvg)

Das altgriechische Wort «Chora» bedeutet «Raum». Zugleich beschreibt es eine schöpferische Leere. Chora ist der Zustand vor jeder Form, ein Raum voller Möglichkeiten. In ihrer Choreografie erforscht die Italienerin diese Leere als spürbare Präsenz. Am Anfang stand nur das Lauschen auf Atem, Schwerkraft und Bewegung. Laut Nappi sei das eine Herausforderung für die Tänzer:innen gewesen. «Normalerweise hast du irgendwas, auf das du aufbaust – eine Musik, ein Narrativ, etwas aus der visuellen Kunst. Ich fing bewusst mit nichts an, weil ich wollte, dass wir erst diese Leere spüren.» Aus dieser Aufmerksamkeit seien ein Rhythmus und die Bewegungen entstanden. Für die Choreografin war dieses Projekt auf persönlicher Ebene herausfordernder als andere. «Es hat mich gelehrt, dass man nicht alles begreifen, sondern manchmal einfach akzeptieren muss», sagt sie. Das Schönste sei immer, eine neue Produktion an den Punkt zu bringen, an dem sie dann zu leben beginnt. Wer heute Abend ins Theater geht, darf das Resultat dieses intensiven Weges sehen.

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«CHORA – the void as origin» wird am Mittwoch und am Dienstag um 19.30 aufgeführt. Am Samstag und Sonntag ist Sofia Nappis Stück PUPO zu sehen. «Pupo» bezeichnet im Italienischen gleichzeitig das Kind und die Puppe. Das Stück ist von Pinocchio inspiriert, im Zentrum steht dabei die Metamorphose der Marionette, ihr Erwachsenwerden. (Bild: Franziska Strauss) (Bild: Franziska Strauss)

Sofia Nappi ist bereits zum zweiten Mal im Theater Winterthur. Nachdem Programmleiter Thomas Guglielmetti sie vor zwei Jahren im Phönix Theater Steckborn entdeckt hatte, holte er sie während des Theaterumbaus für ein Gastspiel in die Interimsspielstätte an der Liebestrasse. Dort entstand die gemeinsame Idee für eine Uraufführung. Für «CHORA» gibt es das U30-Special, welches das Theater Winterthur für ausgewählte Vorstellungen anbietet: Wer unter 30 ist, bekommt das Ticket und einen Drink zum halben Preis. Auf die Frage, warum gerade junge Menschen ihr neues Stück sehen sollten, sagt Nappi: «Die Message eines Stückes ist immer subjektiv. Unsere Tänzer:innen sind starke, junge Persönlichkeiten. Jede:r von ihnen spricht die Menschen im Publikum auf einer anderen Ebene an. Sie geben den jungen Leuten mit ihrer Körpersprache verschiedene Perspektiven, wie sie sich im Leben positionieren können.» 

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Jonglieren kann Maria eigentlich nicht. Wir finden aber schon. Denn sie schreibt für WNTI, organisiert den Alltag ihrer drei Söhne und musiziert. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen machte sie beim Mamablog des Tages-Anzeigers und als freie Texterin. Heute findet sie ihre Geschichten in all den Menschen, die sie in den 20 Jahren, in denen sie in der Stadt wohnt, kennen und schätzen gelernt hat.

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