Alles oder nichts im Schnee von Livigno

Ein Winterthurer Athlet erlebt bei den Wettkämpfen von Milano Cortina die ganze Härte des olympischen Snowboardcross.

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Kalle Koblet in seinem Element beim Snowboardcross (Bild: zvg).

An diesem Wettkampftag hängt eine graue Decke über den Bergen von Livigno, die Gipfel wirken nah und zugleich fern im diffusen Licht. Snowboardcross-Fahrer Kalle Koblet hat lange auf diesen Moment bei den Olympischen Winterspielen hingearbeitet. Der Winterthurer Athlet begibt sich in die Startposition. Wochen, Monate der Vorbereitung verdichten sich auf wenige Sekunden.

«Ich versuche in diesem Moment, in einen Modus mit einer gewissen Aggressivität, aber gleichzeitig auch mit Konzentration und einem guten Gefühl zu kommen.» Dann senkt sich die Klappe, und alles läuft automatisch ab.

Snowboardcross ist ein Rennen, bei dem mehrere Athlet:innen gleichzeitig eine anspruchsvolle Strecke mit Sprüngen, Wellen und Steilkurven hinunterfahren. Vier starten nebeneinander, die Schnellsten kommen jeweils eine Runde weiter. Bei den Wettkämpfen in Livigno tritt der 28-Jährige gegen 31 weitere Athleten aus der ganzen Welt an. Von einer Starthöhe von 1970 Meter müssen sie 24 Elemente überwinden und gleichzeitig ihre Konkurrenten abhängen.

«Es braucht den perfekten Lauf – und das mehrmals hintereinander.»

Kalle Koblet, Snowboardcross-Fahrer

Vier Fahrer, ein Lauf, keine zweite Chance. «Es braucht den perfekten Lauf – und das mehrmals hintereinander. Ein kleiner Fehler, und es ist vorbei.» Für die Olympischen Winterspiele hat er viele Trainingslager absolviert, diverse Stunden im Gym verbracht und sich mental darauf vorbereitet. Doch an diesem wolkigen Wintertag kommt es anders.

«Ich bin nicht der Beste am Start, also musste ich gut wegkommen und dranbleiben», sagt er. Zwar erwischte er den Start ordentlich, doch danach verpasste er entscheidende Elemente auf der Strecke. «Ich musste ins Risiko gehen, um überhaupt eine Chance zu haben», erklärt er. Vorne jedoch bedrängten sich die Fahrer kaum, niemand verlor entscheidend Tempo. «Ich war in Schlagdistanz und habe alles versucht – aber es ist einfach nicht aufgegangen.» Der Winterthurer scheitert im Viertelfinale und belegt Rang 15.

Koblet nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er auf sein Rennen zurückblickt. Die Enttäuschung ist spürbar. «Mit dem Einzelergebnis bin ich nicht wirklich zufrieden. Ich habe gewusst, dass ich etwas riskieren muss, um überhaupt eine Chance zu haben, aber es ist einfach nicht aufgegangen.» Dabei war er mit einem klaren inneren Plan angetreten. Statt sich auf eine bestimmte Platzierung zu versteifen, wollte er seinen eigenen Weg umsetzen. «Der Plan ist, Olympia zu geniessen, alles aufzusaugen und sobald der Wettkampf beginnt, wieder alles wie bei einem normalen Weltcup zu machen.»

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Der 28-Jährige bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Livigno. (Bild: zvg)

Nun setzt er seine Hoffnung in das zweite Rennen im Snowboard-Cross Mixed mit der Athletin Noémie Wiedmer. Erst zum zweiten Mal wird diese Disziplin an Olympischen Winterspielen ausgetragen. Eine Nation darf dabei maximal zwei Teams – bestehend aus einer Frau und einem Mann – stellen. Doch die Hoffnung auf eine Medaille platzt bereits im Halbfinale. Koblet stürzt beim zweiten Start und wirft das Team zurück. Das Schweizer Team landet auf Rang 6.

Zum Snowboardcross kam Koblet eher zufällig. Wochenenden und Ferien verbrachte er mit der snowboardbegeisterten Familie auf dem Berg, zunächst ohne grosse Ambitionen. Erst der Hinweis eines Trainers, es doch einmal in einem Club zu versuchen, brachte ihn ins Regionalteam. Dort probierte er verschiedene Disziplinen aus, doch im Snowboardcross fand er, was ihn wirklich packte: «Snowboardcross hat mir am meisten Spass gemacht – es ist einfach mehr Adrenalin», erklärt er. Mit 17 Jahren erhielt er erstmals die Chance im Weltcup und nutzte sie. Es folgten die Olympischen Spiele 2018 und 2022. In Peking wurde er 23. im Einzel und Siebter im Team. 2023 feierte er in Sierra Nevada seinen ersten Weltcupsieg.

Mit Blick nach vorne hält sich Koblet alle Optionen offen. Ob er noch einmal weitere vier Jahre den Sport auf diesem Niveau durchzieht, lässt er offen. Parallel plant der Sportler den Einstieg ins Studium. Zunächst stehen weitere Rennen an, besonders die Snowboardweltmeisterschaft in Montafon liegt ihm am Herzen. Danach will er Bilanz ziehen: Vielleicht reizt ihn ein weiterer Olympiazyklus, vielleicht entscheidet er sich bewusst für einen neuen Lebensabschnitt. «Ich muss erst spüren, was sich richtig anfühlt.»

Marit_Langschwager_WNTI-Portraits

Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.

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