«Wer im Anlauf noch denkt, ist beim Absprung schon zu spät dran»

Beim Stabhochsprung zählt nicht nur die Höhe, sondern die Kontrolle über den eigenen Körper in jeder Bewegung. Für Adrian Kübler ist der Sport Ziel, Sehnsucht und Herausforderung zugleich: höher springen, feiner arbeiten – und jenen Augenblick treffen, in dem Kraft und Technik zusammenfinden.

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Adrian ist seinem Element. (Bild: Mirko Blättler)

«Das Gefühl, wenn die Latte überquert ist und ich nur noch fliegen kann, das ist unbezahlbar», sagt der 28-Jährige. Obwohl er vergleichsweise spät zur Disziplin fand, stellte sich der Erfolg früh ein. Mit 18 Jahren gewann Adrian den Schweizer Meistertitel in der Kategorie U-20, weitere Medaillen und internationale Wettkämpfe folgten. 2025 knackte er mit 5,37 Metern sogar den Vereinsrekord. Dass dieser Weg viel Zeit und Energie verlangt, nimmt er bewusst in Kauf. «Für mich fühlt sich Training nicht wie Disziplin an, sondern wie Leben», sagt er. Auch beim Saisonauftakt am Sonntag bei den «Pole Vault Stars 2026» in Frauenfeld will er top vorbereitet an den Start gehen.

Zur Leichtathletik fand Adrian über die Jugendriege, mit knapp 14 Jahren schloss er sich der Leichtathletikvereinigung Winterthur an. «Als ich den Stab damals das erste Mal biegen wollte, hat er sich kaum bewegt», erinnert er sich lachend. Für ihn fühlte es sich dennoch an, als hätte er die grösste Biegung der Welt erreicht. Schritt für Schritt verlagerte sich sein Fokus auf die Sprungdisziplinen, bis der Stabhochsprung zur zentralen sportlichen Aufgabe wurde. Heute feilt Adrian neben seiner Tätigkeit in der Unternehmensentwicklung täglich an seiner Technik, körperlich wie mental.

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«Ab einem gewissen Level überwiegt der mentale Anteil.»

Adrian Kübler, Stabhochspringer bei LV Winterthur

Der Stabhochsprung verlangt Präzision, Mut und ein feines Gespür für den eigenen Körper. Ein schneller Anlauf liefert die Energie, die beim Einstich über den flexiblen Stab in Höhe umgewandelt wird. Der Stab biegt sich, speichert die Bewegungsenergie und richtet den Springer nach oben. In der Luft schwingt der Athlet den Körper kontrolliert, dreht sich und überquert die Latte möglichst knapp, bevor er rücklings auf der Matte landet.

Erfolg entsteht dabei nicht durch rohe Kraft, sondern durch Vertrauen, Erfahrung und exakte Abstimmung. Moderne Stäbe aus Glas- oder Carbonfasern sind individuell auf Körpergewicht, Geschwindigkeit und Technik ausgelegt. Eine falsche Wahl kann Leistung kosten oder gefährlich werden.

Für Adrian liegt der Reiz der Disziplin in ihrer Vielschichtigkeit. «Der Stabhochsprung ist besonders faszinierend, weil genetische Faktoren, wie sie etwa im Sprint entscheidend sind, hier weniger ins Gewicht fallen. Es gibt keine festen Stereotype», sagt er. Entscheidend sei vielmehr, wie gut Technik, Körpergefühl und mentale Präsenz zusammenspielen. Sich zu fokussieren, Energie zu tanken und den Tunnelblick einzunehmen, sei nur eins der vielen Puzzle-Teile.

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In Lausanne stellte Adrian im Jahr 2025 einen neuen Vereinsrekord auf. (Bild: Mirko Blättler)

Was einen perfekten Sprung ausmacht? Adrian lächelt. «Ab einem gewissen Level überwiegt der mentale Anteil.» Vertrauen in sich selbst und in den eintrainierten Ablauf sei zentral. Denn: «Wer im Anlauf noch denkt, ist beim Absprung zu spät dran.» Wie wichtig geistige Präsenz ist, erfuhr er 2017 schmerzhaft. Über Monate blockierte der Kopf den Absprung, das Training geriet ins Stocken. Erst durch die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst fand er zurück zu mentaler Stabilität und zu alter Stärke. Bei dem Stabhochsprung-Meeting will Adrian mit rund fünf Metern einsteigen. Die Einstiegshöhe wird bei jedem Wettkampf neu festgelegt. In den letzten Sekunden vor dem Start nimmt er die Atmosphäre bewusst auf, spürt das Adrenalin und motiviert sich, wie er sagt, «sich noch einmal zu pushen». Er sammelt seine Kräfte, geht den Sprung gedanklich durch – bis er alles andere ausblendet. Dann setzt der Tunnelblick ein und Adrian schaltet in den «Attackenmodus». Mit 5,03 Metern belegt er mit Simon Ehammer und dem Österreicher Klotz Riccardo in Frauenfeld den 6. Rang.

Für diese Saison stehen weitere Wettkämpfe auf dem Programm, unter anderem in Athen. Immer mit dem Ziel, eines Tages bei internationalen Meetings mit dem Schriftzug «Suisse» anzutreten. Aber auch, andere Menschen zu motivieren: «Ich will zeigen, was möglich ist und andere damit stärken.»

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Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.

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