Patrick Rahmen: «Jeder Einzelne muss an und über seine Grenzen gehen»
Am Mittwoch hat Sebastian euch gefragt, welche Fragen ihr für FCW-Coach Patrick Rahmen habt. Gestern um halb eins sass er im Klubhaus auf der Schützi – im oberen Stock isst gerade die Mannschaft zu Mittag. Ob es da neben dem Frust über die Niederlage gegen Sion überhaupt noch Platz hat? Offiziell startet die Rückrunde ja erst am Samstag - der perfekte Zeitpunkt, Patrick Rahmen mit euren Fragen den Puls zu fühlen. Der Trainer zeigt sich kämpferisch und bekennt sich zu rot-weiss.
Patrick Rahmen, gestern gab es eine bittere Niederlage gegen Sion, die leider ins Muster der Hinrunde passt. Winti ist mit zwei Siegen aus 19 Spielen klar Letzter. Wie ist die Stimmung im Team?
Die Stimmung wäre besser, hätten wir mehr Punkte – das ist klar. Doch die Mannschaft ist intakt und wir sind überzeugt, dass wir den Klassenerhalt schaffen können und wir haben auch noch genug Spiele vor uns. Trotzdem dürfen wir uns davon nicht einlullen lassen, sonst rennt uns irgendwann die Zeit davon. Wir wissen, dass wir so schnell wie möglich punkten müssen. Deshalb sind solche Niederlagen auch so bitter. Wir spielten trotz vieler Ausfälle gut, dann wird uns halt das Tor «geklaut». Aber die Richtung stimmt und mit dieser Energie werden wir weitergehen.
Bist du also der Meinung, dass die Qualität der Mannschaft ausreicht, um den drohenden Abstieg zu verhindern?
Ja, die spielerische Qualität kann ausreichen, allerdings nur, wenn wir solidarisch sind. Individuell sind wir nicht so aufgestellt, dass wir höhere Ansprüche setzen können. Um mindestens den Barrage-Platz zu erreichen, muss jetzt jeder einzelne von uns an und über seine Grenzen gehen. Es braucht nun einen unglaublichen Teamgeist. Den spüre ich aber und an dem arbeiten wir – auch zusammen mit den Fans. Ich weiss, es ist nicht einfach, jedes Wochenende ins Stadion zu kommen, obwohl man sich vielleicht gar nicht darauf freut – voll ist es trotzdem jedes Wochenende. Der Klassenerhalt ist ein schwieriges Unterfangen, das war mir bei meiner Rückkehr allerdings bewusst.
«Meine rationale Seite hat sich auch gefragt: Willst du das machen?»
Patrick Rahmen, Trainer FCW
Als du kamst, wusstest du, wie es um den FCW steht. Da stellt sich die Frage: Wieso tut man sich das als Trainer an?
Meine rationale Seite hat sich auch gefragt: Willst du das machen? Aber ich wusste, was hier möglich ist. Ja, die finanziellen Mittel sind kleiner und ja, man spielt nicht um den Titel. Doch so wie der Verein funktioniert, die riesige Solidarität, wie er in der Stadt verankert ist und wie die Fans hinter ihm stehen … Meine emotionale Seite hat mir gesagt: Mach das. Es war allerdings nicht nur ein Bauchentscheid. Ich wusste, dass wir es schaffen können – auch wenn die Hypothek gross ist und das Problem nicht gelöst ist, wenn wir ein oder zweimal gewinnen. Ich habe mich darauf eingestellt, dass es ein Kampf bis zum Schluss wird.
Der FCW hat diese Saison auffallend oft in den letzten Minuten Gegentore zugelassen und so Punkte aus der Hand gegeben. Woran liegt das?
Wir kamen in der Schlussphase physisch oft ans Limit. Wenn der Gegner dann mit frischen Spielern nochmals anrennt, passiert das. Wir hatten keine lange Vorbereitung, in der wir den Fokus auf die Physis legen konnten. Wir haben aber die Trainingsintensität erhöht, sodass auch die Spieler, die später dazukamen oder verletzt waren, fit werden. Wir sind inzwischen einen Schritt weiter.
Hat das auch eine mentale Komponente?
Ja, das spielt eine Rolle. Wir sind in der Tabelle in einer Situation, die Druck erzeugt. Druck ist nicht befreiend. Wenn du zwei-, dreimal spät verlierst, dann ist das irgendwann in den Köpfen drin. Das merkst du auch bei den Zuschauern. In den letzten zehn Minuten wird es ruhiger und alle sind nervös und fragen sich: «Langt das hüt?» Wir haben aber auch in Spielen wie beispielsweise gegen Servette gezeigt, dass wir auch selbst in der Lage sind, eine Partie zu drehen.
«Gegen St. Gallen müssen wir eine Schippe drauflegen.»
Patrick Rahmen, Trainer FCW
Wie bringst du das wieder aus den Köpfen der Spieler?
In dem wir miteinander reden, geschlossen hintereinanderstehen und uns gegenseitig unterstützen. Nur reden hilft aber natürlich nichts, diesen Wandel musst du spüren. Deshalb können wir uns nicht nur auf das Verteidigen verlassen, wenn wir führen, sondern müssen versuchen, Entlastung zu schaffen und nach vorne zu spielen. Das nimmt auch das Publikum wieder mit. Wenn wir so spielen wie gestern, wird es nicht immer gegen uns laufen. Aber klar, gegen St. Gallen müssen wir nochmals eine Schippe drauflegen.
Gestern ging das Transferfenster auf. Basel könnte einen treffsicheren Stürmer brauchen und hat mit Andrin Hunziker genau so einen an den FCW ausgeliehen. Bleibt Hunziker für die Rückrunde beim FCW?
Stand heute gehe ich davon aus. Der FCB hat gesagt, dass er die Saison durchspielen soll, dass er den Spielrhythmus hat. Allenfalls ist das im Sommer ein Thema, aber im Moment nicht.
Trotzdem wäre es bei den vielen Gegentoren gut, selbst mehr zu treffen. Wie kann der FCW mehr Tore schiessen?
Meine Überzeugung ist simpel: Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner keine Tore schiessen. Eine Mannschaft muss das Spiel im Ballbesitz mitbestimmen und Chancen kreieren. Es ist sichtbar, dass es seit meiner Rückkehr einen Wandel gab: Wir kommen zu mehr Chancen – auch wenn wir sie noch nicht immer nutzen. Es ist ähnlich wie mit den späten Gegentoren: Ein Prozess, der noch nicht gegriffen hat, aber greifen wird.
Bei aller Zuversicht, lässt sich die Gefahr abzusteigen nicht wegreden. Dein Vertrag läuft bis 2027 – stehst du auch in der Challenge League an der Seitenlinie, sollte es so weit kommen?
Ich bin hier, um genau das zu verhindern – darauf liegt unser Fokus. Stand jetzt kann ich allerdings sagen: Sollten wir absteigen, werden wir auch alles daran setzen, wieder aufzusteigen. Als ich unterschrieben habe, wollte ich ein Zeichen dafür setzen, dass ich alle möglichen Szenarien in Betracht gezogen habe – sonst hätte ich ja nur bis Ende Saison unterschrieben.
Zum Schluss: Auf welchem Platz steht der FCW im Mai?
Den Titel holen wir wohl nicht mehr. Deshalb ist mir der Platz ziemlich Wurst, solange wir in der Liga bleiben. Auch wenn es hart ist und bleiben wird: Dieses Ziel erreichen wir auch – zusammen mit den Fans.
Seba studiert in Winti Journalismus, weiss wie man ein Bier zapft, verbringt seine Wochenenden gerne auf der Schützi und kennt in Winti allerhand spannende Figuren. Seba ist ein Urwinterthurer, aufgewachsen ist er in Veltheim. Nur eines fehlt ihm für den Winti-Ritterschlag: Geboren ist er im Triemli in Zürich.