An diesem Podium fanden sich sogar SP und EDU
Ein Dutzend Parlamentskandidierende aller Parteien traten am Donnerstag in der Coalmine auf. Für die letzte der vier Veranstaltungen von Radio Stadtfilter und WNTI hatte sich Moderator Florian Sieber eine ganze Reihe an Formaten ausgedacht, um die Kandidierenden auf Herz und Nieren zu prüfen.
Es war ein Gewusel: Nach einer kurzen Vorstellungsrunde bat Stadtfilter-Moderator Florian Sieber, die Kandidierenden sollen sich innerhalb des klassischen Rechts-Links-Schemas aufstellen. Auffällig: Der rechte Rand blieb leer, ganz aussen fand sich am Ende FDP-Kandidat Rapahel Tobler wieder. Und das, obwohl mit Marc Wäckerlin auch ein SVP-Mitglied auf dem Podium vertreten war.
Dieser drängte sich jedoch mit der Mehrheit der Gäste in der Mitte der Bühne. «Für mich passt diese Einteilung in rechts und links nicht so sehr», begründete Wäckerlin seine Position. Und Isabelle Meier, die sich als Grüne ebenfalls im Zentrum wiederfand, sagte, sie habe beim Ausfüllen von Smartvote herausgefunden, dass sie «recht wirtschaftsliberal» sei.
Prompt wechselten die Pole, nun sollten sich Liberale ganz rechts, Konservative ganz links aufstellen. Plötzlich fanden sich SP und Grüne auf derselben Seite wie die EDU. Franziska Tschirky (SP) stand ganz aussen und begründete: «Eine liberale Wirtschaft kann sogar gefährlich sein.» Dem widersprach Raphael Tobler auf der rechten Seite: «Umso mehr der Staat eingreift, desto weniger gut funktioniert es».
Aber der FDP-Mann wies auch darauf hin: «Wenn wir liberal in Bezug auf die Gesellschaft verstanden hätten, würden wir ganz anders stehen.» Cyrill Kammerlander, der entsprechend seiner Partei in der Mitte stand, hakte ein: «Familienpolitisch bin ich sicher weniger liberal als Raphael. Aber bei der Marktwirtschaft würden wir uns finden.»
Als nächstes beorderte Moderator Florian Sieber jeweils eine Person auf die Bühne, die mit einer anderen eine «Mehrheit» bilden und dafür ein Thema vorschlagen musste, bei dem sich beide einig werden würden. Wenig erstaunlich fanden sich Laura Calendo (FDP) und Nora Ernst (GLP) bei der «Digitalisierung der Verwaltung».
Und selbstverständlich wollten Daniela Roth-Nater (EVP) und Franziska Tschirky (SP) bildungsfernen Familien einen leichteren Einstieg in die Schule ermöglichen. Ein ungewöhnliches Duo ergab sich aus Simon Stettler (SP) und Simon Gonçales (EDU). «Mehr Stadtbusse?», fragte letzterer nach langem Grübeln, und gewann Stettler schliesslich mit dem Zusatz «elektrische Stadtbusse» definitiv.
Nun durften die Duos ihre Redekunst zur Schau stellen. Nur erhielten sie dazu ein Statement vorgelegt, das nicht aus ihrer eigenen Feder stammte ‒ und sich manchmal sogar gegen sie selbst richtete. So trug Roman Hugentobler (AL) im Brustton der Überzeugung eine Rüge an sich selbst vor: «Das geht in diesem Parlament sicher nicht!», hatte Stadtpräsident Michael Künzle (Mitte) dem AL-Politiker gesagt, als dieser in einer Sitzung im Juli 2022 der Stadtpolizei «rassistische Tendenzen» unterstellte. Ebenso vehement brachte Laura Calendo das Grundlagenpapier der AL herüber, das sich stellenweise wie ein kommunistisches Manifest anhörte. Ein skeptisches «Hm» nach dem Votum reichte, um zu zeigen, was die FDP-Kandidatin davon hielt. Und für Danja Marazzi (GLP) war der Satz: «Die grösste Gefahr für die Freiheit droht vom Kollektivismus» hin dann doch zu liberal. Tobler, der schon seit einer Legislatur im Parlament sitzt, wusste: «Das kann nur von Marc kommen». Der Ex-Pirat Wäckerlin bezeicnet sich selbst als libertär.
Zum Schluss stand eine Frage erneut im Raum, die Florian Sieber schon zu Beginn gestellt hatte: «Habt ihr noch Energie?» Mehrere Flyer-Aktionen an Regentagen seien zehrend gewesen, antwortete Nora Ernst. Im Parlament setzt sich die Grünliberale für eine Vertretungsregelung ein, damit soll das Amt besser mit dem Privatleben vereinbar werden. Und Simon Stettler (SP) meinte: «Ich bin froh, wenn der Wahlkampf vorbei ist.» Von einer Politikverdrossenheit wollte an diesem Abend aber niemand sprechen. Auch eine Stunde nach dem offiziellen Teil waren die meisten Gäste noch tief in Gespräche verwickelt.
Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.
Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.