Fast zu gut, um wahr zu sein

In der neuen Dokumentation «HC Rychenberg – Titelträume» blickt der Unihockeyclub zurück auf den letzten Cup-Erfolg mit allen Höhen und Tiefen. Besuch und Gespräche mit den Protagonisten bei der Premiere am vergangenen Donnerstag.

Ein Lachen geht durch das gefüllte Auditorium, als ein hektischer Mauszeiger über die Leinwand tanzt. Der Ton streikt kurz. Doch das Publikum nimmt es mit Humor und klatscht erleichtert, als die Dokumentation startet. Ein unfreiwillig passender Einstieg für einen Verein, bei dem sportlich nicht immer alles glattlief. Aber an diesem Donnerstagabend vor einer Woche wissen alle: Am Ende wartet ein Happy End à la Hollywood.

So markiert der Abend eine Premiere: Aus über 400 Stunden Rohmaterial entstand die erste Langzeit-Dokumentation über den Winterthurer Unihockey-Club. Zwischen den ersten Bildern der Dokumentation «HC Rychenberg Winterthur – Titelträume» und den ersten Lachern beginnen die Reihen zu flüstern. «Bei dem Spiel war ich!», «Ist das nicht …?» Knapp 480 Gäste – von Juniorinnen und Junioren bis zu den 60-jährigen Gründungsmitgliedern – füllen das Auditorium des gate27. Die Vielfalt des Vereins sitzt Schulter an Schulter.

20251124_Film HC Rychenberg_Lenard Baum (5)
Die Filmemacher Etienne Ettlinger (l.) und Raphael Mahler (r.) begleiteten den Weg des HC Rychenberg bis zum Cupsieg 2025. (Bild: Lenard Baum)

HCR-Präsident Eric Fischer kündigt vor Beginn an, er habe sich vor allem eines gewünscht: «Einen ehrlichen Blick in die Kabine.» Genau diesem Anspruch folgen die Filmemacher Etienne Ettlinger und Raphael Mahler seit rund anderthalb Jahren. Im Frühjahr 2024 starten die Aufnahmen, als der HCR tabellenführend war und im Cupfinal 2024 stand. «Die Chance auf einen Titel war hoch, doch dann ging alles in die Hose», so Ettlinger, über den sportlichen Absturz, der folgen sollte.

Der Film zeigt die Konsequenzen schonungslos: die Finalniederlage gegen Zug United, das frühe Playoff-Aus gegen Floorball Thurgau, die Entlassung von Trainer Philipp Krebs und die Verletzung von Captain Nils Conrad.

20251124_Film HC Rychenberg_Lenard Baum (1)
Präsident Markus Fischer richtet vor Filmbeginn das Wort an die geladenen Gäste. (Bild: Lenard Baum)

Der stärkste Part ist der intime Blick in die Kabine. Zu sehen ist alles: das jubelnde Team nach einem Sieg, aber auch Tränen sowie kaputte Schläger nach dem Playoff-Aus. «Das ist für mich die stärkste Szene», sagt Filmemacher Mahler. «Man sieht, wie ein Team innerlich funktioniert oder eben nicht.» Dass diese Momente unverstellt und echt sind, bestätigt auch Nationalspieler Manuel Maurer: «Ich habe die Kamera fast nicht bemerkt. Im Car vielleicht kurz, sonst überhaupt nicht.»

Neben der sportlichen Seite widmet sich der Film auch den Strukturen dahinter. Vieles beim HCR basiert auf Freiwilligenarbeit. Eine Realität, die ab der Mitte des Films mehr Raum erhält, genauso wie die Gründungsgeschichte. Dieser Abschnitt wirkt stellenweise etwas poliert, verdeutlicht aber, warum der HCR für viele mehr ist als seine Resultate.

Während einige Zuschauerinnen und Zuschauer den Blick hinter die Kulissen besonders schätzten, warteten andere vor allem auf das grosse Highlight der vergangenen Saison: den Cupfinal 2025, der im Frühling in Bern für laute Fangesänge und Erleichterung sorgte. Der Film liefert diesen Moment im letzten Drittel: Nach 29 Jahren gewinnt der HCR den Schweizer Cup mit einem 7:2-Sieg über Zug United. Revanche, Höhepunkt und emotionaler Schlusspunkt zugleich. Die Kamera fängt den Moment ein, der beim HCR längst Geschichte ist: Jubel, Erleichterung und die gelbe Wand in der Wankdorfhalle.

20251124_Film HC Rychenberg_Lenard Baum (7)
Das offizielle Plakat zur Premiere – Fans, Spieler und Vereinsmitglieder waren vor Ort. (Bild: Lenard Baum)

Doch beim Premierenabend fallen noch kleine Macken auf: fehlende Texteinblendungen oder eine Szene ohne Musik. Die Ursache dafür ist schnell erklärt: «Geplant waren 70 bis 80 Minuten – nun sind es 100. Da wurde es eng bis zur Premiere», sagt Ettlinger. Der Filmemacher witzelt: «Ich habe in den letzten zwei Tagen vielleicht zweieinhalb Stunden geschlafen», erzählt er lachend. «Meine Schwiegermutter kam am Vorabend noch vorbei, um mir die Haare zu schneiden, damit ich nicht völlig erledigt aussehe.»

Trotzdem wurde die Premiere zu einer Feier der Cuphelden und der vielen Menschen, die den HCR tragen. Ab Dezember, rund um die Festtage, soll die Doku kostenpflichtig im Stream verfügbar sein, dann mit vollständiger Musik und Feinschliff. Für die Gäste im Saal galt ohnehin: Diese Geschichte war fast zu gut, um wahr zu sein.

Baum_Autorenbild

Lenard Baum arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Sportthemen. Aufgewachsen in Seen, hat er seine Wurzeln im «grossen Nachbarskanton». Dennoch führen ihn seine Wege immer wieder nach Winterthur – besonders gern auf die Schützenwiese.

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare