Frauen zwischen finanziellen Zwängen und Familie
Über die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Winterthur arbeiten in einem Teilzeitpensum. Fünf Winterthurerinnen erzählen, wieso die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch immer schwierig ist – und das traditionelle Familienmodell noch immer Bestand hat.
«Seine Lohnmöglichkeiten sind grösser als meine, deshalb setzten wir auf seine Karriere»
Dunia arbeitet zu 60 Prozent als Sozialarbeiterin, seit sechs Monaten ist sie Mutter. Wenn sie könnte, würde sie weniger arbeiten. «Um finanziell durchzukommen, habe ich mich dagegen entschieden.» Direkt nach der Geburt arbeitet sie sogar noch mehr, da ihr Partner noch Vater von Zwillingen aus einer anderen Beziehung ist. Es habe einige Monate gedauert, bis die Unterhaltszahlungen ihres Partners neu berechnet waren. «Jetzt konnte ich aber zum Glück reduzieren», sagt Dunia. Sie sei eigentlich keine Freundin des traditionellen Familienkonzepts. Es sei nicht so, dass sie nicht gern arbeite – der Ausgleich täte ihr gut. «Sieben Tage die Woche nur ‹babysch› zu reden würde mich blöd im Kopf machen.» Man müsse der Realität aber auch in die Augen schauen. Dunias Partner arbeitet in der IT. «Seine Lohnmöglichkeiten sind grösser als meine, deshalb setzten wir auf seine Karriere.»
«Die Arbeit mir nach der Geburt ein Stück von mir selber zurückgegeben»
Auch Julia würde der Kinder wegen gern weniger arbeiten, wenn sie könnte. Die Gärtnerin und Arbeitsagogin hat zwei Kinder im Vorschulalter. Ihr Partner ist Möbelmonteur. «Wenn wir es uns leisten könnten, würden wir weniger arbeiten», sagt sie. Obwohl beide sowohl Arbeiten als auch zu Hause sind, brauchen sie zusätzliche Kinderbetreung. Neben der Kita seien die Kinder auch oft bei Tante, Götti oder den Grosseltern. Wie Dunia sagt aber auch Julia, dass sie grundsätzlich gern arbeite. «Es hat mir nach der Geburt ein Stück von mir selber zurückgegeben.»
«Ich konnte das Pensum reduzieren, bei ihm war das nicht möglich»
Anabels Kinder sind schon etwas älter und gehen bereits zur Schule. Sie arbeitet zu 60 Prozent an einem Privatgymnasium im Zürcher Seefeld. Ihr Partner ist zu 90 Prozent beim Kanton angestellt. Ein traditionelles Rollenverständnis also? Jein. Diese Aufteilung sei zwar von beiden so gewollt, aber auch das Resultat äusserer Zwänge. «Ich konnte das Pensum reduzieren, bei ihm war das nicht möglich.» Sie hätten aber das Glück, dass Anabels Partner im Homeoffice arbeiten könne, wenn die Kinder krank seien. Wenn die Kinder älter sind, plant Anabel wieder mehr zu arbeiten, auch der Altersvorsorge wegen.
«Mein Lohn wäre direkt in die Betreuung geflossen, da war ich lieber selbst für meine Kinder da»
Für Tamara ist die Frage der Altersvorsorge akut. Die 60-jährige Psychologin hat ihr Leben lang immer nur Teilzeit gearbeitet. Das bedeutet Einbussen bei der AHV. «Das schafft eine Abhängigkeit vom Partner», sagt sie. Diese Erkenntnis habe bei ihr eine regelrechte Krise ausgelöst. Dennoch habe sie sich aus familiären Gründen dafür entschieden. Denn der Hauptgrund für Tamaras Teilzeitarbeit waren auch bei ihr die Kinder. Sie wollte sich persönlich um sie kümmern. «Ich war ein Hort-Kind, ich bin quasi dort aufgewachsen», sagt sie. «Das wollte ich für meine Kinder nicht.» Die Kinder in eine Kita zu bringen, hätte sich damals ohnehin nicht gerechnet. «Mein Lohn wäre direkt in die Betreuung geflossen, da war ich lieber selbst für meine Kinder da.»
«Als Hausfrau hast du eigentlich kein soziales Umfeld»
Dieses Dilemma kannte Karin nicht. Als sie Mutter wurde, blieb sie bis zur Einschulung der Kinder zu Hause – ganze sechs Jahre. Als Frau werde man mit der Geburt eines Kindes noch immer in den Beruf «Hausfrau» geworfen. Auch bei ihr hatte das aber primär finanzielle Gründe. «Mein Mann verdiente viel mehr als ich, deshalb war klar, dass ich zu Hause bleiben werde.» Als die Kinder in die Schule kamen, stieg Karin wieder als Dentalhygienikerin ins Berufsleben ein. Damals hätte sie gerne mehr gearbeitet, sagt sie. Vor allem des sozialen Umfelds wegen. «Das hat man als Hausfrau eigentlich nicht.» Heute ist Karin 57 und arbeitet wieder mehr – aber nicht Vollzeit. «Mehr als sechs Stunden volle Konzentration am Patienten pro Tag», sagt sie, «das möchte ich nicht.»
Mittlerweile wird das Thema Vorsorge auch für Karin relevant. Und auch sie merkt, dass sie Nachteile hat, da sie weniger gearbeitet hat. «Da bin ich ganz klar im Nachteil.» Ihr Job bringe zudem noch einen weiteren Nachteil. Es sei normal als Dentalhygieniker:in in verschiedenen Praxen zu arbeiten. «Wenn du bei drei verschiedenen Zahnärzten 20 Prozent arbeitest, kommt praktisch nichts in die Pensionskasse, obwohl du quasi 60 Prozent angestellt bist», erklärt Karin.
«Aber immerhin ist die Work-Life Balance top.»
Seba studiert in Winti Journalismus, weiss wie man ein Bier zapft, verbringt seine Wochenenden gerne auf der Schützi und kennt in Winti allerhand spannende Figuren. Seba ist ein Urwinterthurer, aufgewachsen ist er in Veltheim. Nur eines fehlt ihm für den Winti-Ritterschlag: Geboren ist er im Triemli in Zürich.