Von der späten ADHS-Diagnose zum Treffpunkt für andere
Viele merken erst im Erwachsenenalter, dass hinter ihrem Chaos im Kopf, der ständigen Überforderung oder inneren Unruhe ADHS steckt. Eine Therapeutin schafft einen Treffpunkt in Winterthur und erklärt, warum der Weg zur Diagnose oft so lang ist.
«Seitdem hat sich mein Leben komplett verändert», erzählt Sophie, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennen will. Nach vielen Arztbesuchen und falschen Diagnosen erfährt die 35-Jährige endlich die Gründe für ihr langes Unwohlsein: eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS.
Ähnlich ging es auch Stephanie Karrer. Die Psychotherapeutin in Ausbildung lebt selbst mit ADHS und weiss, wie viel Überwindung eine Abklärung kosten kann. «Bei mir wurde es erst spät diagnostiziert und ich hatte lange Angst vor der Diagnostik und vor allem dem Resultat», sagt die 37-Jährige. Die Diagnose habe ihr geholfen, milder mit sich selbst zu sein und sich selbst besser anzunehmen. Um auch andere zu stärken, gründete sie die Gruppe «zäme ADHS». Jeden letzten Freitag im Monat trifft sich die Gruppe an der Merkurstrasse in Winterthur. In einem geschützten Rahmen tauschen sich die Teilnehmenden aus, räumen mit Klischees auf und sprechen darüber, wie ADHS den Alltag prägt. «Viele entwickeln negative Glaubenssätze und fühlen sich schlecht, weil sie Dinge vergessen. Das kann die Angst vor dem Versagen verstärken», erklärt Karrer. Anders als bei einer reinen Selbsthilfegruppe leitet sie die Gruppe fachlich und gibt Hilfeleistungen mit an die Hand. Privat lebt sie in Frauenfeld. Den Treffpunkt legte sie jedoch bewusst nach Winterthur: «Ich wollte einen urbanen Ort, an dem ich mich wohlfühle.»
«ADHS ist nicht leicht abgrenzbar. Solche ‹Beurteilungen› haben oft keine wissenschaftliche Fundierung oder sind stark verkürzt dargestellt.»
Stephanie Karrer, Gründerin von «zäme ADHS» und Psychotherapeutin in Ausbildung
Laut elpos, einer ADHS-Organisation in der Schweiz, leben in der Schweiz ungefähr 200'000 Menschen mit ADHS. Lange galt die Annahme, die Symptome «wüchsen sich aus», sagt Karrer. Heute sei klar: ADHS bleibt meist auch im Erwachsenenalter bestehen. Zudem könnten hormonelle Schwankungen die Symptome verstärken. Bei vielen Frauen werde ADHS deshalb erst spät diagnostiziert. Nicht selten würden Betroffene zunächst wegen Depressionen oder anderer Beschwerden behandelt und das ADHS werde nicht direkt erkannt. Weil viele Erwachsene ihre Schwierigkeiten über Jahre mit eigenen Strategien ausgleichen, bleibt ADHS oft lange unbemerkt. Eine ADHS-Diagnose sollte von qualifizierten Fachpersonen gestellt werden, die Erfahrung mit der Störung haben. Gerade bei Erwachsenen sind die Wartezeiten jedoch lang. Karrer spricht im Raum Zürich von Wartelisten von bis zu 16 Monaten. Hinzu kommt, dass Abklärungen oft selbst bezahlt werden müssen. Das könne dazu führen, dass viele eine Diagnostik gar nicht erst beginnen – aus finanziellen Gründen oder aus Angst, nicht ernst genommen zu werden. In Karrers Gruppe sind deshalb auch Menschen willkommen, die keine offizielle Diagnose haben, aber vermuten, dass ADHS eine Rolle spielt.
Gleichzeitig spielt sich ein Teil der Debatte längst in den sozialen Medien ab. Videos und Posts mit persönlichen Erfahrungsberichten oder Tipps von Medizin-Influencer:innen erreichen ein breites Publikum. Doch verlässliche Informationen sind nicht immer garantiert: Eine Untersuchung zeigt, dass mehr als die Hälfte der Aussagen zu ADHS auf Tiktok irreführend oder falsch sind. Symptome werden dabei oft stark vereinfacht oder falsch dargestellt, während Therapieansätze kaum vorkommen. Karrer sieht den Trend kritisch: «ADHS ist nicht leicht abgrenzbar. Solche ‹Beurteilungen› haben oft keine wissenschaftliche Fundierung oder sind stark verkürzt dargestellt.»
Zugleich könne Social Media auch eine Chance sein, wenn Fachpersonen dort seriös informierten. Dafür brauche es jedoch ein Gesundheitssystem, das Betroffene früher abhole. «Damit man solchen Entwicklungen auf Social Media trotzen kann, braucht es ein niederschwelliges Angebot, um Betroffene frühzeitig zu erreichen», sagt sie.
Sophie findet es grundsätzlich positiv, dass ADHS in der Gesellschaft häufiger thematisiert wird. Gleichzeitig begegne ihr nach wie vor viel Unwissen: «Viele packen ADHS noch immer in die gleiche Ecke wie Depression oder Bipolar», berichtet sie. Dann versuche sie, Missverständnisse direkt zu klären. Auch Karrer begegnet immer wieder Vorurteilen. Oft heisse es, Menschen mit ADHS würden sich auf ihrer Diagnose ausruhen. «Dabei ist meist das Gegenteil der Fall», sagt sie. Viele, die zu ihr kommen, wollten Verantwortung übernehmen – und nicht mit einem «Ich bin halt so» argumentieren. In Zukunft will Karrer Diagnostik für Erwachsene anbieten und mit dem Treffpunkt einen Ort schaffen, an dem Menschen so gesehen werden, wie sie sind.
Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.