Volle Kraft voraus!

Die Schweiz hat noch nicht viele olympische Gewichtheberinnen gesehen. Aber die Beste, die sie je gesehen hat, ist Scheila Meister. Die 38-Jährige wuchs in Wülflingen auf und verbringt ihre Tage in einem CrossFit-Studio in Oberi.

Scheila Meister ist schwanger ‒ und das unübersehbar. In gerade mal ungefähr neun Wochen erwartet sie ihr erstes Kind. Und trainiert noch 10 Stunden pro Woche. «Lange nicht so viel wie vorher – eher wie ein normaler Mensch», sagt sie. «Ich werde von einer Physiotherapeutin begleitet, die sich darauf spezialisiert hat, mit schwangeren Leistungssportlerinnen zu arbeiten. Mein Training wird jede Woche angepasst», erzählt die Winterthurerin. Angst habe sie keine. Auch nicht davor, zu viel an Muskelmasse und damit Gewicht zu verlieren. «Wenn ich nach der Geburt etwas leichter bin, komme ich in eine andere Gewichtsklasse – dann kann ich vielleicht auch schneller wieder an meine Erfolge anknüpfen», lacht sie. In ihrer aktuellen Gewichtsklasse muss sie insgesamt 190 Kilogramm stemmen, um sich für die EM zu qualifizieren. Aber nicht auf einmal. Es gibt zwei Disziplinen; Reissen und Stossen.

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Scheila Meister holte an der EM 2023 den vierten Platz. Das ist die bisher beste internationale Platzierung einer Schweizerin in 70 Jahren Gewichtheben. Seither erhält der Verband mehr Fördergelder. (Bild: zvg)

Der Hauptunterschied liegt darin, wie die Hantel vom Boden über den Kopf gebracht wird. Beim Reissen wird die Hantel in einer einzigen, durchgehenden Bewegung vom Boden direkt über den Kopf gebracht. Das Stossen besteht aus zwei Teilen: Beim Umsetzen wird die Hantel vom Boden auf die Schultern gehoben. Beim Ausstossen drücken die Athlet:innen sie von den Schultern über den Kopf. Wie Scheila ihre Kilogramm aufteilt, ist ihr überlassen. Beim Reissen liegt ihr Rekord bei 88 Kilo. Beim Stossen hielt sie bereits 110 Kilo – ihr doppeltes Körpergewicht.

«Es geht auch um Technik. Kraft allein reicht nicht.»

Scheila Meister, Gewichtheberin

Früher war der Winterthurerin Sport nicht so wichtig. Erst mit 27 fing sie an, CrossFit-Trainings zu besuchen und da nahm es ihr ziemlich schnell den «Ärmel ine». Damals arbeitete sie noch bei Ochsner Sport im Büro. Als der Erfolg einsetzte und die Trainingseinheiten zunahmen, bekam sie von Ochsner Sport ein Sponsoring, um weniger arbeiten und mehr trainieren zu können. Heute arbeitet Meister im CrossFit Gleis 10 in Oberi. Dort hat sie ihre eigene Trainingsecke – an der Wand hängt ein lebensgrosses Bild von ihr, welches ihr Freund und Trainer als Überraschung vom Winterthurer Künstler Davide Rotondaro machen liess.

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Ganz entspannt mit Babybauch: In diesem Bereich des Studios verbringt Scheila Meister einen Grossteil ihrer Zeit. Im Hintergrund das Bild von Davide Rotondaro, alias Roti. (Bild: Maria Wyler)

Im Schweizer Kader der Gewichtheber:innen sind zurzeit zwölf Personen. Nur drei von ihnen nehmen an internationalen Wettkämpfen teil. Gewichtheben sei nicht wirklich ein Teil der Schweizer Sportkultur, meint Meister. Bisher habe es an Nachwuchs gefehlt – das verändere sich aber mit dem CrossFit alsTrend. «Ich trainiere auch Kinder, unter anderem gerade eine Zehnjährige, die sehr talentiert ist.» Was heisst talentiert? Ist das nicht einfach eine Frage der Kraft und Disziplin? Meister erklärt: «Die Körpermasse spielen eine Rolle, die Voraussetzungen können genetisch günstig oder ungünstig sein. Und es geht auch um Technik. Kraft allein reicht nicht.»

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Das Ziel von Scheila Meister ist es, nach der Geburt auf die internationale Bühne zurückzukehren. Druck mache sie sich aber keinen. (Bild: Maria Wyler)

Zum Erfolg gehört auch die richtige Ernährung. Da würden es die Athlet:innen verschieden handhaben, so Meister. «Ich schaue lieber das ganze Jahr hindurch, statt kurz vor dem Wettkampf noch Extra-Kilos wegschwitzen oder abtrainieren zu müssen. Schwerer sein bedeute immer mehr Arbeit – wegen der Gewichtsklassen. Diese wechseln alle fünf bis sieben Kilo. Die Sportlerin isst hauptsächlich Reis, Poulet und Gemüse. «Wenn ich nicht zu sehr variiere, muss ich das Essen nicht immer wägen, weil ich mit der Zeit weiss, was wie viel wiegt», sagt sie. Also keine Pizza? Kein Döner? «Pizza gibt es nach dem Wettkampf», so Meister. Kürzlich war sie mit Freund:innen im neuen Rosen Restaurant am Lagerplatz. Als sie als einzige keinen Döner bestellte, fragte die Bedienung nach. Das Rosen-Team war so beeindruckt, dass sie Meister ein Sponsoring anbieten wollten.

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Für die WM 2023 reiste Meister in die saudi-arabische Hauptstadt Riad. (Bild: zvg)
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Jonglieren kann Maria eigentlich nicht. Wir finden aber schon. Denn sie schreibt für WNTI, organisiert den Alltag ihrer drei Söhne und musiziert. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen machte sie beim Mamablog des Tages-Anzeigers und als freie Texterin. Heute findet sie ihre Geschichten in all den Menschen, die sie in den 20 Jahren, in denen sie in der Stadt wohnt, kennen und schätzen gelernt hat.

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