Über die Kunst, sich zu verlieben
Keine App, kein Speed. Stattdessen ein Museumsbesuch mit Hoffnung auf eine zufällige Begegnung. Ein Start-up organisiert Treffpunkte für Singles bei kulturellen Veranstaltungen. Doch funktioniert Dating auf diese Weise wirklich?
Die schwere Glastür fällt mit einem lauten Knall ins Schloss. Mein Blick wandert sofort zum Eingang. Ein Mann betritt den hallenden Raum des Fotomuseums. Ich mustere ihn von Kopf bis Fuss. Hat er eine Zeitschrift unter dem Arm – das vereinbarte Erkennungszeichen? Fehlanzeige. Enttäuscht wende ich mich wieder den Ausstellungsstücken zu. Doch eigentlich bin ich gar nicht wegen der Kunst hier. Ich bin hier, um jemanden kennenzulernen und zwar möglichst zufällig. Nicht ich habe dieses Museum als Treffpunkt gewählt, sondern das Start-up «MeetByChance».
Seit eineinhalb Jahren versucht das Projekt, spontanen Begegnungen etwas nachzuhelfen und Singles zusammenzubringen. Für fünf Franken kann man eine Wochenübersicht kaufen und erfährt so, wo sich wann besonders viele Singles aufhalten könnten. Mittlerweile ist das Angebot in sieben Schweizer Städten verfügbar. In Winterthur gehören verschiedene Museen, aber auch Parks dazu. Initiator Urs Christen setzt bewusst auf solche Orte: «Optimal sind Veranstaltungsorte, an denen man sich frei bewegen kann», sagt er. Besonders geeignet seien Vernissagen, Museumsführungen oder Ausstellungen. Kooperationen mit Veranstaltern gibt es bewusst nicht: «Wir möchten frei sein, die Orte auszuwählen, die am besten passen.»
«Es ist kein klassisches Date. Oft braucht es mehrere Anläufe»
Urs Christen, Gründer von «MeetByChance»
Hinter dem Start-up steht Urs Christen, der eigentlich als selbstständiger Unternehmer tätig ist. «MeetByChance» ist sein Herzensprojekt, sagt der 56-Jährige. Die Idee entstand aus Gesprächen mit Freundinnen. «Viele Frauen haben mir gesagt: Eigentlich ist es viel romantischer, jemanden zufällig kennenzulernen – im Museum oder beim Einkaufen – statt über eine Dating-App.» Statt organisierter Treffen listet die Plattform kulturelle Veranstaltungen auf, die Singles besuchen können. Das Konzept richtet sich vor allem an Menschen, die Datingplattformen oder klassische Datingevents meiden. Viele hätten negative Erfahrungen mit Apps gemacht oder empfänden Speed-Dating als zu stressig.
Der Unterschied zu klassischen Datingformaten sei bewusst: «Man geht einfach an eine Veranstaltung und schaut, ob man interessante Menschen trifft.» Dabei könne es durchaus sein, dass gar keine anderen Singles vor Ort seien. «Es geht darum, das zu tun, was man ohnehin gerne macht.» Jede und jeder soll selbst entscheiden können, ob und wie er eine Person anspricht. Ein Erkennungszeichen, etwa eine Zeitschrift, kann dabei helfen. Zusätzlich gibt es ein wöchentliches Codewort. Diese Woche lautet es: «Schon speziell, dass …». Wer über die Plattform möglichst schnell die grosse Liebe finden wolle, sei hier fehl am Platz, sagt er. «Es besteht immer das Risiko, dass man niemanden trifft.» Entscheidend sei Geduld: «Es ist kein klassisches Date. Oft braucht es mehrere Anläufe.»
Dass viele Menschen nach neuen Wegen suchen, jemanden kennenzulernen, überrascht kaum. Eine Studie der Universität Zürich zeigt: Wer als junger Mensch lange Single bleibt, fühlt sich mit der Zeit häufiger einsam und weniger zufrieden – besonders ausgeprägt in den späten Zwanzigern. Für die Untersuchung analysierten Forschende Daten von mehr als 17’000 jungen Erwachsenen.
Besonders gut komme das Angebot bei Frauen an, sagt Christen. Rund 60 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer seien weiblich. Grundsätzlich richte sich das Konzept zwar an alle Altersgruppen, spreche aber vor allem Menschen ab etwa 40 Jahren an. Laut Christen haben sich inzwischen über 10’000 Personen auf der Plattform registriert. Diese Zahl sage jedoch wenig über die tatsächliche Nutzung aus: Manche bestellen nur einmal einen Wochenplan, andere nehmen regelmässig teil. Konkrete Verkaufszahlen nennt er nicht. Christen sagt lediglich, dass pro Woche mehrere hundert Wochenübersichten verkauft werden – verteilt auf derzeit sieben Städte. Finanziell steht das Projekt noch am Anfang. Die Einnahmen aus den Wochenplänen fliessen vor allem in Marketing, Website und Betrieb.
Ich wechsle in den nächsten Ausstellungsraum und hoffe weiterhin, jemanden kennenzulernen. Dann entdecke ich einen jungen Mann, der vor einer Fotografie stehen bleibt und sie aufmerksam betrachtet. In seiner Hand: eine Zeitschrift. Mein Herz schlägt schneller – ist das mein Zeichen? Vorsichtig gehe ich ein paar Schritte näher. Etwas unbeholfen stelle ich mich neben ihn und tue so, als würde ich ebenfalls das Bild studieren. Ich zögere kurz, dann rutscht mir ein Satz heraus: «Schon speziell, dass man bei solchen Bildern oft gar nicht erkennt, wo der Fotograf gestanden hat.»
Der Mann dreht sich zu mir. Sein Blick wirkt leicht irritiert. «Ja, stimmt», sagt er knapp und wendet sich wieder dem Bild zu. Die Konversation droht zu versanden. Also frage ich nach, ob er auch wegen «MeetByChance» hier sei. Er schaut mich fragend an. Davon habe er noch nie gehört. Damit ist klar: Dieser Versuch war wohl nichts.
Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.