«Meine Chancen sind intakt»
Franziska Kramer-Schwob politisiert seit 2019 für die EVP im Stadtparlament. Mit nur vier Sitzen gehört die Partei zu den kleinsten in Winterthur ‒ hat die 44-jährige Juristin trotzdem Chancen auf einen der sieben Stadtratssitze?
Franziska Kramer-Schwob kommt leicht verspätet ins Café «zum Hinteren Hecht». «Wäsche aufhängen», entschuldigt sie sich. Die Juristin teilt ihr Leben zwischen der Arbeit im Rechtsdienst der reformierten Kirche Zürich, ihrer Familie und der Politik auf. Seit 2019 sitzt sie für die EVP im Stadtparlament, nun stellt sich die 44-Jährige für den Stadtrat zur Wahl.
Franziska Kramer-Schwob, in Ihrer Parlamentsarbeit finden sich Vorstösse zum Thema Schulwege, Foodsave in Altersheimen oder zum Dauercamping am Schützenweiher ‒ also ein bunter Strauss an Politikbereichen. Wie kommen Sie zu Ihren Themen?
Sie werden oft aus meinem Umfeld an mich herangetragen, deshalb betreffen auch viele Anliegen Hegi. Mit deren Aufnahme möchte ich einerseits zeigen, dass die Wege in der Politik kurz sind und man Sorgen aus der Bevölkerung auf einfache Art lösen kann. Andererseits möchte ich keine Partikularinteressen vertreten.
Die Anliegen scheinen allerdings oft Partikularinteressen zu sein.
Sie sprechen von der Fragestunde und schriftlichen Anfragen. Postulate und Motionen betrafen bei mir immer grössere Themen. Und es liegt in der Natur der Sache, dass unsere Vorstösse breit abgestützt sind. Wir als EVP haben nur vier Unterschriften und müssen deshalb immer Verbündete finden.
Apropos, vier Sitze: Hat die EVP als Kleinpartei eine realistische Chance auf einen Stadtratssitz?
Wie ihr gerade publiziert habt, hätten wir rein rechnerisch ja 0,5 Stadtratssitze zugute (lacht). Und vor 16 Jahren hatten wir mit Maja Ingold bereits eine Stadträtin in Winterthur. Zudem sind zwei Mitte-Rechts-Stadträte zurückgetreten ‒ und ich selbst komme aus dem politischen Zentrum. Da sehe ich meine Chancen durchaus intakt. Im Parlament erhoffen wir uns ebenfalls einen Sitzgewinn.
Ihr Wunschdepartement? Viele Ihrer Vorstösse kamen aus dem Schulumfeld, der «Landbote» ordnete Sie eher den Finanzen zu.
Ich bin Juristin auch deshalb geworden, weil man sich dort immer wieder in neue Gebiete einarbeiten muss. Als ich im Parlament angefangen habe, waren mir Klima- und Sozialpolitik nahe. In die Finanzpolitik habe ich mich eingearbeitet, weil ich nach meinem Nachrutschen ins Parlament in die Aufsichtskommission ging. Das zeigt doch, dass ich mich in Dossiers einarbeiten kann.
Im Parlament hat Ihre Partei in den letzten zwei Jahren gemeinsam mit den Bürgerlichen auf die Ausgabenbremse gedrückt. Sind Sie unzufrieden mit der städtischen Finanzlage?
Für mich ist es eine Frage der Prioritäten. Für den Sozialausgleich beispielsweise sollte immer genügend Geld zur Verfügung stehen. Damit das so bleiben kann, muss man auch mal bei einem Ausgabenentscheid sagen: Dafür reicht es nicht.
Wo konkret?
Beispielsweise, als wir die Überführung der Halle 53 vom Finanz- ins Verwaltungsvermögen ablehnten. Das hätte die Verantwortung mit sich gebracht, die Halle zu bespielen ‒ potenziell für Millionen. Dabei brauchen wir hier einen privaten Investor. Auch die Projektierung des Stadtarchivs haben wir zurückgewiesen. Es ist unbestritten, dass es einen neuen Standort braucht ‒ aber er kann bescheidener ausfallen.
Rund die Hälfte aller städtischen Investitionen fliessen in die Schulbauten ‒ sehen Sie Sparpotenzial?
Wir müssen anfangen darüber zu diskutieren, wie viel Geld wir aus baukulturellen oder denkmalschützerischen Gründen in die Schulhäuser investieren. Man könnte einen gelungenen Bau wie beispielsweise das Schulhaus Neuhegi kopieren. So liesse sich bei den Projektierungskosten sparen.
«Der Stadtrat findet es im Moment in Ordnung, eine Erhöhung der Nettoverschuldung ins Budget aufzunehmen. Aber im Parlament gibt es eine Mehrheit, die dem skeptisch gegenübersteht.»
Franziska Kramer-Schwob, Stadtratskandidatin EVP
Als Grund für die zunehmend hitzigen Budgetdebatten sehen viele den Prozess. Parlamentsmitglieder sagen, sie würden zu spät einbezogen und könnten zu wenig steuern. Was würden Sie ändern?
Dass wir als Parlament nicht jeden Franken umdrehen, bevor wir ihn sprechen, ist richtig. Wir sollten aber die groben Pflöcke einschlagen können, und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem das noch möglich ist. Der Stadtrat findet es im Moment in Ordnung, eine Erhöhung der Nettoverschuldung ins Budget aufzunehmen. Aber im Parlament gibt es eine Mehrheit, die dem skeptisch gegenübersteht. Diese Ausgangslage können wir in den paar Wochen, in denen wir das Budget beraten, gar nicht mehr korrigieren.
Sie sind in der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) Winterthur, einer evangelischen Freikirche. Welche Rolle spielt die Religion in ihrem Leben?
Ich bin in einem reformierten Haushalt aufgewachsen, suchte mir später aber eine andere Kirche, weil es bei den Reformierten in Veltheim fast keine Jungen gab. Heute gehe ich regelmässig in den Gottesdienst.
Fliesst der Glaube in Ihre Politik mit ein?
Für mich beeinflusst er das «Wie». Ich will eine respektvolle und ehrliche Politik machen. Nächstenliebe, Menschenwürde, Ehrlichkeit oder Integrität sind mir wichtig. Das «Was» ist eine andere Frage. Es gibt schliesslich Christen in jeder Partei, und ich würde niemandem wegen eines politischen Entscheids seinen Glauben absprechen.
Die Frauenzentrale empfiehlt Sie zur Wahl. Wofür stehen Sie in Bezug auf die Gleichstellung?
Ich wünsche mir mehr Augenhöhe in dieser Diskussion. Frauen sollen nicht mehr um jedes Quäntchen ihres Lebensraums kämpfen müssen. In unserer Familie teilen wir uns die Betreuungsarbeit selbstverständlich auf. Mein Mann arbeitet 60 Prozent, ich 50 plus Politik.
Nebst ihrem Job als Juristin, Betreuungsarbeit und Politik: Was machen Sie in der Freizeit?
Wenn ich einen freien Moment habe, drehe ich eine Runde mit dem Rennvelo über Elgg, Hagenbuch und Wiesendangen. Oder kümmere mich um den Garten, obwohl der letzten Sommer etwas vernachlässigt wurde ob der ganzen Arbeit mit der Kandidatur.
WNTI stellt euch alle Kandidat:innen für den Stadtrat vor. Romana Heuberger (FDP) und die Kandidierenden ohne Parlamentsvertretung haben wir bereits portraitiert: alles zu den Wahlen am 8. März.
Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.
Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.