«Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Qualität, wenn man ein Projekt auch einmal korrigiert»
Christa Meier ist in Winterthur seit Jahren eine prägende politische Figur: erst im Stadtparlament, seit 2018 im Stadtrat als Vorsteherin von Bau und Mobilität. Für die einen ist sie die Architektin der Zukunft, für die anderen die Hauptverantwortliche für eine Verkehrspolitik, die Winterthur entzweit. Nun tritt sie erneut zu den Wahlen an – mit dem Anspruch, ihren Kurs weiterzuführen.
Sie haben einmal gesagt, Mobilität sei für Sie nicht nur eine technische Frage, sondern eine Frage von Lebensqualität. Welches Verkehrsmittel verbessert Ihre Lebensqualität?
Das Velo. Es ist das Verkehrsmittel, das ich am meisten nutze. Und am liebsten in der Stadt.
Und wann steigen Sie doch mal auf das Auto um? Ich habe ein Auto, das ich ab und zu brauche. Aber eher nicht in der Stadt, weil man mit dem Velo einfach schneller ist und es aus meiner Sicht einfach das sinnvollste Verkehrsmittel ist in der Stadt. Aber ich brauche das Auto durchaus auch ab und zu.
Velorouten sind ein zentrales Ziel Ihrer Mobilitätspolitik. Auf der Oststrasse wurden 19 Parkplätze zugunsten einer Veloroute aufgehoben. 19 Parkplätze fallen weg, nur vier werden kompensiert. Warum ist dieses Verhältnis aus Sicht der Stadt fair? Ich denke, es geht in diesem Fall nicht in erster Linie um Fairness, sondern um die Einhaltung geltender Normen. Für Velorouten existieren klare Standards, die vorschreiben, dass – wenn möglich – keine Parkplätze entlang der Route zugelassen werden dürfen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber dann muss man das sorgfältig abwägen. Mit der Einführung der blauen Zone ist der Parkdruck deutlich gesunken, da Pendlerinnen und Pendler nicht mehr im Quartier parken dürfen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben inzwischen Zugang zu privaten Parkplätzen. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus vertretbar, wenn zugunsten einer sicheren Veloroute einzelne Parkplätze aufgehoben werden.
Betroffene sagen, sie seien informiert worden, aber nicht wirklich eingebunden. Wo konnten Anwohnende an der Oststrasse tatsächlich Einfluss nehmen? Das Problem ist: Hier hatten wir ein durch die Normen eigentlich keinen Spielraum. Da frage ich mich: Was bringt es, wenn ich Leute in einen Entscheidungsprozess einbinde, sie aber eigentlich nicht mitentscheiden können, weil wir keinen Spielraum haben. Ich bin sehr für Partizipation, aber nur dann, wenn man auch wirklich einen Spielraum hat.
«Unsere Aufgabe ist es, eine ausgewogene Lösung zu entwickeln. Das führt zwangsläufig zu Kompromissen – auch wenn ich das Wort nicht besonders mag.»
Christa Meier, Stadträtin Department Bau und Mobilität (SP)
Auch bei der Technikumstrasse gibt es seit Monaten starken Widerstand, unter anderem wegen der geplanten Baumfällungen und wegen Sicherheitsbedenken. Wo hätte die Stadt früher transparenter oder dialogorientierter sein müssen? Ich möchte betonen: Wir sind sehr dialogbereit. Gerade bei Strassenprojekten ist die Mitwirkung gesetzlich geregelt – das kantonale Strassengesetz sieht ein formelles Mitwirkungsverfahren vor. Dabei kann sich jede Person äussern, die einen Bezug zum betroffenen Strassenabschnitt hat. Dieses Verfahren haben wir ordnungsgemäss durchgeführt und alle Rückmeldungen ernst genommen. Zwischen dem Mitwirkungsverfahren und der Weiterbearbeitung des Projekts haben wir zudem das Gespräch mit verschiedenen Akteuren gesucht – mit Verbänden, Quartiervereinen der Parlamentskommission und weiteren Beteiligten. Ich nehme aktuell wahr, dass Kritik oft dann geäussert wird, wenn am Ende einzelne Verbände nicht vollständig zufrieden sind weil ihre spezifischen Bedürfnisse nicht vollständig berücksichtigt werden konnten.
Sie sagen, man habe mit einem Mitwirkungsverfahren auf die Kritik reagiert. Viele Leute sind jedoch auch mit dem Mitwirkungsverfahren nicht zufrieden. Wir haben alle Verfahrensschritte korrekt durchgeführt und sogar mehr gemacht, als gesetzlich vorgeschrieben. Die Herausforderung liegt oft darin, sehr unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Unsere Aufgabe ist es, daraus eine ausgewogene Lösung zu entwickeln. Das führt zwangsläufig zu Kompromissen – auch wenn ich das Wort nicht besonders mag. Ein Kompromiss bedeutet aber, dass keine Seite alles bekommt, was sie sich wünscht.
Im Gegenzug, dass Sie in einem WNTI-Interview mit Frau Heuberger eine Frage stellen konnten, wollte nun auch sie eine Frage an Sie richten: Frauenfelder-, Technikum-, Tösstalstrasse, übertriebene Grünflächenziffer – diverse Ihrer Projekte sind ins Stocken geraten oder haben ganz Schiffbruch erlitten. Wie wollen Sie in Zukunft sicherstellen, dass Ihre Projekte wieder eine Mehrheit im Parlament finden und von der Bevölkerung unterstützt werden? Die Mehrheit meiner Projekte wird sowohl vom Parlament als auch von der Bevölkerung unterstützt. Ich verstehe mich als Gestalterin und Macherin – und dazu gehört auch, dass man bereit ist, Risiken einzugehen und aus Rückmeldungen zu lernen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Qualität, wenn man ein Projekt auch einmal korrigiert, wie wir es etwa bei den Grünflächen oder beim Mattenbach getan haben. Natürlich gibt es auch Rückschläge. Die Ablehnung des Projekts zur Frauenfelderstrasse war für mich und die Verwaltung frustrierend. Das Projekt war ausgewogen, hat viele Interessen berücksichtigt, aber eben nicht alle Maximalforderungen erfüllt. Es wurde letztlich durch eine «unheilige» Allianz im Parlament gestoppt. Insofern möchte ich den Ball auch ein Stück weit ans Parlament zurückspielen. Es trägt ebenfalls Verantwortung.
Sie sagen, Winterthur müsse «zukunftstauglich» werden. Wie sieht zum Beispiel die Zürcherstrasse aus, wenn Sie sie in zehn Jahren entlang fahren? Die Zürcherstrasse muss saniert werden, aber sie wird eine Haupteinfahrtsachse bleiben. Für mich ist ganz wichtig, dass wir Optimierungen für den Bus realisieren. Wir müssen auch die Verkehrssicherheit für Velofahrende und Fussgänger:innen verbessern. Die Hauptverbindung für Velofahrende nach Töss ist aber nicht auf der Zürcherstrasse, sondern auf der Veloroute. Und mit der Pflanzung zusätzlicher Bäume wollen wir das Alleenkonzept umsetzen.
Bei den Wahlen 2022 haben Sie eher ein schlechtes Ergebnis erzielt, besteht Gefahr, dass Sie das absolute Mehr dieses Mal verfehlen? Vor vier Jahren wurde ich klar im Amt bestätigt. Das zeigt mir, dass meine Arbeit geschätzt wird. Mein Departement ist bekannt dafür, besonders kontroverse Themen zu bearbeiten, und ich wusste bei der Übernahme, dass starker Gegenwind dazugehört. Damit kann ich umgehen.
Sie kandidieren zum dritten Mal. Warum braucht es Sie noch – und nicht einen neuen Ansatz im Baudepartement? Ich bin überzeugt, dass wir vieles wirklich gut gemacht haben – insbesondere bei der Gestaltung des Wachstums unserer Stadt. Mit «Winterthur 2040» haben wir eine klare Vision erarbeitet, wie wir uns die zukünftige Entwicklung unserer Stadt vorstellen. Diese Prozesse sind zentral für die Zukunft von Winterthur und sie müssen konsequent weitergeführt werden. Deshalb würde ich gerne weiterarbeiten. Ich glaube, es braucht meine Erfahrung und die Kontinuität auch in den nächsten vier Jahren.
WNTI stellt euch bis am 8. März alle Kandidat:innen für den Stadtrat vor.
Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.