Andreas Geering steht in der Mitte
Der langjährige Stadtparlamentarier will in den Stadtrat. Er gilt als nüchterner Schaffer und muss nun beweisen, dass die Mitte trotz kleinem Wähleranteil noch in den Stadtrat gehört.
Andreas Geering, wir sind hier im Café ElPadel, was haben Sie dazu für einen Bezug?
Schon als sie gebaut haben, bin ich immer auf dem Weg an den Bahnhof oder auf den Vitaparcours daran vorbei gegangen. Ich finde eine lässige Geschichte, wie das Lokal entstanden ist und wie man auf private Initiative diese neue Sportart ‹Padel› nach Winterthur gebracht hat. Das Café zur Halle ist herzig und für diesen Teil von Hegi eine Bereicherung.
Haben Sie die Sportart bereits getestet?
Nein, aber das ist noch auf der ToDo-Liste. (lacht)
Politisch bringen Sie bereits einige Erfahrung im Stadtparlament mit. Im Jahr 2019 waren sie zudem Präsident des Parlaments. Was konnten Sie aus dieser Zeit mitnehmen für Ihre weitere politische Arbeit?
Als Präsident des Stadtparlaments hatte ich einen tieferen Einblick in die Verwaltung. Zudem war in meinem Jahr die Corona-Pandemie. Da war ich sehr nahe dran und habe so einen Einblick in die Arbeit der Stadtverwaltung bekommen, auch in einem schwierigen Kontext.
Die Mitte hat in Winterthur einen Wähleranteil von zuletzt sieben Prozent. Legitimiert sich daraus einen Stadtratssitz?
Ja, ich denke schon, weil der Stadtrat das ganze politische Spektrum der Bevölkerung abdecken sollte. Es ist wichtig, dass auch das Zentrum vertreten ist und nicht nur die Pole.
Warum greifen Sie das Präsidium nicht an? Schliesslich war Mike Künzle 16 Jahre lang Mitte-Stadtpräsident.
Das war ein Szenario, das wir durchgedacht haben. Als Neuer ist es aber schwieriger als für einen Bisherigen, direkt Stadtpräsident zu werden. Wenn ich neben Stefan Fritschi auch antreten würde, dann würden sich die Stimmen verteilen und das käme am Schluss Kaspar Bopp zugute.
Das Thema Wohnen beschäftigt zurzeit viele. Sie engagieren sich im Nebenamt als Mietschlichter für den Mieterverband. Welche Rezepte sehen Sie, damit in Winterthur alle Einkommensschichten eine Wohnung finden können?
Genossenschaften sind ein Teil der Lösung. Aber nicht nur, weil man damit auch Probleme schafft, beispielsweise mit der Belegungsziffer: Wenn sich die familiäre Situation ändert, also jemand auszieht, dann ist unsicher, wie lange man bleiben kann. Neben dieser Problematik muss aber auch einfach das Bauen günstiger werden. Es gibt zu viele Auflagen und Regulierungen. Das dritte ist, dass das nationale Mietrecht konsequenter kontrolliert werden muss. Viele Mieter kennen ihre Rechte zu wenig. Ich sehe nicht ein, weshalb im Mietrecht der Mieter seine Rechte oft nur erhält, wenn er selber aktiv wird.
Das Wachstum von Winterthur sollte auf ein Ausmass abgebremst werden, welches die Stadt verkraften kann, schreiben Sie auf Ihrer Webseite. Wie möchten Sie dies erreichen?
Das Wachstumstempo von Winterthur in den letzten Jahren machen die Bevölkerung und die Infrastruktur nicht mit. Es beginnt mit den Schulhäusern, geht dann weiter zur Verkehrsinfrastruktur oder der Wärmeinfrastruktur. Und finanzieren muss man den Ausbau ja auch noch. Verlangsamen kann man das, indem man in der Bau- und Zonenordnung keine neuen Einzonungen mehr macht. Und auch das Verdichten muss man auf die jetzigen Zentren beschränken, weil diese ÖV-mässig gut erschlossen sind.
Sie engagieren sich mit Ihrer Initiative Freie Fahrt für den Bus gegen Tempo 30. Spielen Sie damit nicht vor allem Autofahrenden in die Hände?
Es ist natürlich so, dass in Winterthur der Bus und das Auto auf derselben Spur fahren. Separat ginge dies nur, wenn man separate Trassés hätte. Ich kann diese Frage verstehen. Aber der Kern der Initiative ist, dass man mit dem Bus nicht ausgebremst wird.
Braucht es die Initiative noch nach der Annahme der Mobilitätsinitiative?
Mit der Mobilitätsinitiative wissen wir nun noch nicht, wie es weitergeht. Denn die Stadt Zürich hat Rekurs eingereicht. Wenn die Mobilitätsinitiative rechtskräftig würde, dann könnten wir unsere Initiative zurückziehen, weil es sie dann nicht mehr braucht.
«So eine Messerattacke wie in Zürich gegen eine jüdische Person kann man auch in Winterthur nicht ausschliessen.»
Andreas Geering, Stadtratskandidat der Mitte Partei
Sie arbeiten am Flughafen als Teamleiter im Sicherheitsbereich. Sehen Sie sich im Stadtrat im Sicherheitsdepartement?
Im Stadtrat kann man nicht wünschen, welches Departement man will. Das Sicherheitsdepartement wird zwar frei und ich hätte einen guten Rucksack dafür. Gleichzeitig habe ich aber auch einen Rucksack, der alle anderen Departemente möglich macht.
Welche Herausforderungen sehen Sie im Bereich Sicherheit in der Stadt Winterthur?
Ein Bereich der Sicherheit ist Gewaltextremismus. Die Situation im Nahen Osten seit 2023 hat auch bei uns zu einem Anstieg von einerseits Antisemitismus und andererseits Demonstrationen mit militant auftretenden Palästina-Unterstützern geführt. In Winterthur müssen wir parat sein für Radikalisierung. So eine Messerattacke wie in Zürich gegen eine jüdische Person kann man auch in Winterthur nicht ausschliessen. Massnahmen müssen hier präventiv greifen. Winterthur ist da gut aufgestellt mit der Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention.
Sie sagen in einem Instagram-Video, dass Winterthur die sicherste Grossstadt der Schweiz sei. Trotzdem sprechen Sie auch immer wieder vom gesteigerten Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Wie geht das zusammen?
Da geht es zum Beispiel um die Situation Merkurplatz hinter dem Manor oder auch um die Stimmung am Bahnhof an einem Freitag- oder Samstagabend. Aus der Umfrage der Stadtpolizei geht hervor, dass das gefühlte Sicherheitsempfinden gesunken ist im Vergleich zu den Vorjahren. Es beginnt mit der Sauberkeit und dem Littering, wenn ein Ort verdreckt ist, fühlt man sich vielleicht unsicherer. Da muss man schauen, dass keine Unorte entstehen, wo die Leute nicht mehr hinwollen. Ein anderer Punkt ist die häusliche Gewalt. Hier macht die Stadtpolizei eine gute Arbeit, wichtig ist einfach, dass sich Betroffene auch melden. Da muss man noch mehr sensibilisieren über alle öffentlichen Kanäle.
Sie sind Mitglied in der Freikirche Chile Grüze. Welche Rolle spielt der Glaube in ihrem Leben?
Der Glaube ist mein Wertekompass, nachdem ich mein privates Leben ausrichte.
Fliesst dies auch in Ihre Politik ein?
In der Politik und in Sachfragen wie Tempo 30 oder Sicherheit spielt das weniger eine Rolle. Aber der Wertekompass bleibt und hat für mich mit Respekt zu tun, auch anderen Menschen oder der Welt gegenüber. Da geht es für mich auch um Umweltschutz. Respekt gegenüber der Natur und gegenüber der Welt, wo ich der Meinung bin, dass Gott sie erschaffen hat.
Wenn Sie ganz unbürokratisch sofort etwas ändern dürften in Winterthur: Was wäre das?
Ich wünsche mir mehr Grün auf innerstädtischen Plätzen. Ich denke an die Lokstadt, aber auch an die Steinberggasse oder den Neumärt. Mehr grün und mehr Schatten.
Gioia ist nicht nur in der Redaktion bei WNTI tätig, sondern arbeitet auch als Videoredaktorin bei SRF News. Winterthur kennt sie bestens, denn sie verbrachte hier ihre Gymnasialzeit. Ausserdem ist es gut möglich, dass sie mehr über dein Haus weiss als du selbst, denn schon bei der Historiker:innen Zeitschrift schrieb sie über die faszinierenden Geschichten, die in den Mauern und Fassaden der Städte verborgen sind. Ihre Leidenschaft für die früheren Lebenswelten der Winterthurer:innen ist ebenso ausgeprägt wie ihre Neugier auf die Lebensrealitäten anderer Menschen.