Angst, wo Geborgenheit sein sollte

Im Schnitt zwei- bis dreimal täglich rückt die Stadtpolizei Winterthur wegen häuslicher Gewalt aus. Seit 2009 hat die Stapo eine eigene Fachstelle, die sich exklusiv um dieses Thema kümmert und eng mit der Opferhilfe zusammenarbeitet. Beide bestätigen: Die Dunkelziffer ist hoch und das Thema geht uns alle an.

Es ist Donnerstagabend gegen 23 Uhr. Bei der Stapo Winterthur geht ein Notruf ein – jemand meldet einen heftigen Streit im Haus nebenan. Wenig später wird ein Mann festgenommen, er ist der Polizei bereits bekannt. Auch das Opfer, seine Partnerin, kommt mit zur Polizeiwache. Sie hat wie schon beim letzten Mal Bisswunden und blaue Flecken von Fusstritten. Heute auch Rötungen am Hals. Vor wenigen Monaten wurde gegen den Partner ein 14-tägiges Kontakt- und Rayonverbot ausgesprochen, weil er sich gegenüber seiner Partnerin gewalttätig verhielt. 

Diese Geschichte steht für unzählige ähnliche. Und auch total andere. Die Fälle seien so verschieden wie die Menschen, sagt Philippe Bieri. Er arbeitet bei der Fachstelle Häusliche Gewalt in der Abteilung Gewaltschutz. Die Fachstelle ist in der Schweiz eine Besonderheit: Die Abteilung übernimmt von der Früherkennung, über das direkte Handeln und Eingreifen, bis hin zu Ermittlungen und Nachbearbeitung alles. Das Team deckt insgesamt 900 Stellenprozent ab, zusätzlich gehören zwei durch die PUK angestellte Psycholog:innen dazu. Bieri macht hauptsächlich Befragungen und schreibt die dazugehörigen Polizeirapporte. Da es oft nachts zu Vorfällen kommt, werden die Täter:innen in Polizeihaft genommen und später durch eine Mitarbeiter:in der Fachstelle Häusliche Gewalt befragt. 

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Hier werden Opfer betreut und befragt. Für Kinder gibt es einen Spielraum nebenan, in dem sie nichts hören, aber immer den Elternteil im Blick haben. (Bild: Stadtpolizei Winterthur)

Die Dunkelziffer sei recht hoch, aber es werde besser, sagt Bieri. Wo liegt die Grenze zwischen normalen Differenzen und Gefahr? «Verschiedene Menschen halten Verschiedenes aus. Wenn ein Leidensdruck da ist, ist es höchste Zeit», so der Polizist. Erzählt das Opfer Details, die eine Tat zum Offizialdelikt machen, ist die Polizei gesetzlich verpflichtet, zu handeln. Fernhaltemassnahmen können aber auch ohne Delikt angeordnet werden, zum Beispiel nach psychischer Gewalt. Die Fachstelle arbeitet eng mit der Opferhilfe zusammen. Diese untersteht der Schweigepflicht. Opfer können dort erzählen und sich beraten lassen, ohne Angst vor Konsequenzen, für die sie noch nicht bereit sind. 

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Philippe Bieri sagt: «Häusliche Gewalt gibt es, seit es Beziehungen gibt.» Früher sei das eher innerhalb der eigenen vier Wände geregelt worden – heute komme mehr an die Öffentlichkeit, was auch die Zahlen steigen lasse. (Bild: Maria Wyler)

Als häufige Gründe für Streit und Gewalt nennt Bieri Stress, Frust, Finanzen, Sucht, Machtgefälle und Geschlechterrollen. «Gut situierte Personen können es sich eher leisten, zu gehen. Oft haben sie ein helfendes Umfeld.» In einigen Kulturen würden Frauen, die sich wehren, nicht unterstützt und stünden alleine da. Bieri betont aber, dass sich die häusliche Gewalt durch sämtliche Schichten und Kulturen ziehe. Häufig sei es Mann gegen Frau, oder gegenseitig. Frau gegen Mann sähen sie mehr in Form der verbalen Gewalt. Auch Kind gegen Eltern sei ein Thema. 

Die Gewalt baut sich laut Philippe Bieri oft über Jahre auf. Er ist seit 23 Jahren bei der Polizei, seit 14 Jahren als Sachbearbeiter bei der Fachstelle Häusliche Gewalt. Tatsächlich gebe es so etwas wie eine «Stammkundschaft». Dazu gehöre zum Beispiel eine unterdessen ältere Person – angesehen und aus guten Verhältnissen – deren Abstieg er seit über zehn Jahren beobachte. Bei beiden Parteien sei Alkohol ein Thema. Schon mehrere Male habe die Polizei intervenieren müssen und die Intensität der körperlichen Gewalt habe sich von Fall zu Fall gesteigert. Er frage sich in solchen Fällen, wo das noch hingehe, so Bieri. Viele Opfer würden nach Ablauf des Kontaktverbots wieder zurückkehren oder dieses erst gar nicht einhalten. 

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«Wir sehen sehr tief in die Familien hinein», so Philippe Bieri von der Fachstelle Häusliche Gewalt. (Bild: Stadtpolizei Winterthur)

Bieri erzählt aber auch, dass viele Täterpersonen sich Strategien zur Verhinderung von Wiederholungen der Gewalt aneignen können, die funktionieren. Er selbst versuche, so wertfrei wie möglich zu arbeiten und es gelinge ihm gut. Er sagt von sich: «Ich bin ein sehr empathischer Mensch und fühle sowohl mit den Opfern als auch mit den Tätern mit» und fügt an: «Ja, ich habe für einzelne Fälle Verständnis, das heisst aber nicht, dass ich einverstanden bin und das sage ich auch ganz klar.» Im Falle einer Verurteilung bekommt er das oft nicht mehr mit. «Wer Ergebnisse sehen möchte, wie den Strafzettel beim Falschparken, ist hier am falschen Ort», so der Sachbearbeiter. Man dürfe nicht betüpft sein, wenn es keinen Abschluss gebe. Für ihn sei jede Pause von Gewalt für das Opfer ein Erfolg. 

«Wenn er beim dritten Date schon zuschlägt, ist es viel klarer.»

Doris Binda, fiera Opferberatung Winterthur

Viele Gewaltopfer seien damit überfordert, kurz nach dem Geschehen entscheiden zu müssen, ob sie Anzeige erstatten wollen, sagt Doris Binda von der fiera Opferberatung Winterthur – dem früheren «Frauen-Nottelefon». Seien die Opfer an Leib und Leben bedroht, könne nur die Polizei schützen, so die Sozialarbeiterin. Diese dürften sie nicht gegen den Willen der Klientin einschalten. Oft seien es längere und komplexe Geschichten und sie müssten den Opfern erst einmal erklären, wie ihre Optionen aussehen und was sie bedeuten. «Bei einem Sexualdelikt beispielsweise muss das Opfer der Polizei sehr genau erzählen, was passiert ist. Und später noch mindestens einmal bei der Staatsanwaltschaft», so Binda. «Es ist wichtig, dass sie wissen, wer eine Anwältin finanzieren würde, wie lange ein Strafverfahren dauert, wie die Begleitung aussieht und was ‹Aussage gegen Aussage› bedeutet. Wir helfen, zu überlegen, was ihr Ziel ist und versuchen, eine Retraumatisierung zu verhindern. Ehefrauen wollen oft wissen, ob ihr Mann und Vater der gemeinsamen Kindern dann ins Gefängnis muss.» Viele Frauen mit Migrationshintergrund hätten zudem Angst, dass bei einer Trennung ihr Aufenthalt gefährdet sei. Was je nach Situation leider auch durchaus der Fall sein könne.

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Doris Binda ist Sozialarbeiterin und arbeitet seit über 20 Jahren im Bereich Häusliche Gewalt. (Bild: Maria Wyler)

Studien belegen, dass bei schon länger andauernder Gewalt oft mehrere Anläufe nötig sind. «Wenn er beim dritten Date schon zuschlägt, ist es viel klarer», so Binda. «Sagt uns eine Frau, sie schaffe die Trennung nicht, schauen wir, wie das konkret aussehen würde.» Viele hätten jahrelang gehört, dass sie «eh nicht» gehen. Gerade Mütter würden Schutzmechanismen aufbauen, um zu funktionieren. «In solchen Fällen ist es unsere Aufgabe, für sie zu benennen, was passiert.» Wenn massive Gewalt gegen Kinder vorliegt, können sich die Beratenden bei der kantonalen Opferhilfe von der Schweigepflicht entbinden lassen und eine Gefährdungsmeldung machen. Binda habe einer Mutter schon sagen müssen: «Schauen Sie, nachdem Sie mir das Foto vom Rücken Ihres Sohnes gezeigt haben, kann ich Sie nicht einfach wieder gehen lassen.» Eine  Variante wäre dann das Frauenhaus. Variante zwei die Polizei und die dritte eine Meldung an die Kesb. «Wir schauen, was für sie die beste Option, oder anders gesagt, das kleinste Übel ist», so Binda. 

Das Fiera-Team tauscht sich regelmässig aus und bekommt Supervision. Doris Binda räumt ein, dass sie manchmal schon nach Hause gehe und denke: «Das kommt nicht gut.» Dann frage sie sich selbst und das Team: Habe ich getan, was ich konnte? Sie wisse aber, wie sie sich vor belastenden Gedanken schützen könne. Dafür sei sie ausgebildet. Als Ausgleich zum Job geht sie in die Natur, kocht gerne oder trifft Freunde. Zum Jassen beispielsweise. Sie ist seit bald 15 Jahren bei der Opferberatung, seit über 20 Jahren arbeitet sie im Bereich Häusliche Gewalt. Früher sei ein runder Tisch mit der Polizei fast nicht denkbar gewesen. Das habe sich zum Glück geändert. Binda glaubt nicht, dass die Anzahl der Fälle zunehme – eher sei es so, dass Frauen sich trauen, Hilfe zu holen. Sie ist überzeugt davon, dass eine wirkliche Gleichstellung der Geschlechter, sowie Präventionsmassnahmen wie nationale Kampagnen die Abnahme von Gewalt begünstigen würden.

Trotz allem gibt es viele Erfolgsgeschichten. «Manchmal melden sich Frauen zwei, drei Jahre später bei uns, nur um zu sagen: Mir geht`s imfall gut.» Andere kämen vorbei, um stolz zu erzählen, dass sie jetzt ein eigenes Konto hätten oder einen Job. Oder dass sie den Partner endlich konfrontiert hätten und er nun eine Therapie mache.

Sind Sie von Gewalt betroffen?

Opferhilfeberatungsstellen bieten kostenlose und vertrauliche Unterstützung an.

Alle Beratungsstellen sind aufgelistet unter www.opferhilfe-schweiz.ch

Im Mai soll zudem die Notrufnummer 142 für Opfer von häuslicher Gewalt in Betrieb genommen werden.

WNTI-Portrait-Maria-Wyler

Jonglieren kann Maria eigentlich nicht. Wir finden aber schon. Denn sie schreibt für WNTI, organisiert den Alltag ihrer drei Söhne und musiziert. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen machte sie beim Mamablog des Tages-Anzeigers und als freie Texterin. Heute findet sie ihre Geschichten in all den Menschen, die sie in den 20 Jahren, in denen sie in der Stadt wohnt, kennen und schätzen gelernt hat.

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