370 Wohnungen werden saniert - und niemand muss gehen

Könntest du dir vorstellen, während einer Sanierung in deiner Wohnung zu bleiben? Das sähe etwa so aus: Handwerker:innen bauen gerade ein neues Bad ein und du musst im Innenhof im Container duschen. Genau das kommt auf die hundert Bewohner:innen der Stefanini-Häuser an der Burg- und Eckwiesenstrasse in Wülflingen zu. Ab Sommer 2026 startet die erste Sanierungsetappe.

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Terresta saniert die knapp 370 Wohungen in Etappen. (Bild: Goran Podtkonjak)

Dass eine Sanierung dringend nötig ist, sieht man den knapp 40 Mehrfamilienhäusern schon von weitem an: die Fenster sind von Feuchtigkeit und Kälte beschlagen und die Balkone rosten vor sich hin. Das Baugesuch ist eingereicht und die Baugespanne vor den Balkonen stehen schon. Alle Bewohnenden, die mir an diesem grauen Mittwochmorgen begegnen, bestätigen, dass etwas gemacht werden muss: «Ich hoffe einfach, dass es dann nicht so teuer ist wie überall sonst», sagt mir eine junge Frau, die seit drei Jahren hier wohnt. Damit sind wir bereits beim zentralen Punkt.

Nur an wenigen Orten in der Stadt ist Wohnen so günstig wie an der Burgstrasse. Laut Terresta, die alle SKKG-Liegenschaften verwaltet, liegt die Miete für eine 3-Zimmer-Wohnung zurzeit bei 1300 Franken. Langjährige Mieter:innen zahlen noch weniger. Dafür sind Küchen und Bäder, sowie die Heizung und die Fenster seit dem Baujahr 1956 nie erneuert worden. «Bis anhin haben wir die Dinge immer selbst in die Hand genommen oder die Terresta hat mal neu gestrichen, wenn jemand ausgezogen ist», erzählt ein Bewohner, der seit 1980 hier wohnt. Zurückzuführen ist das auf Bruno Stefanini, der viele seiner Immobilien in Winterthur jahrelang sich selbst überliess. All seine Liegenschaften gehören heute der SKKG. In Winterthur sind es 1300 Wohnungen, verteilt auf 200 Liegenschaften. Bis 2030 stehen einige Sanierungen an, darunter auch die besonders umstrittenen Sanierungen von besetzten Häusern.

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    Unverändert seit 1956. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. (Bild: Goran Podtkonjak) (Bild: goran potkonjak)
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    Hier muss man sich entscheiden: duschen oder Händewaschen? (Bild: Goran Podtkonjak) (Bild: goran potkonjak)

Liba Borak führt an der Burgstrasse seit 43 Jahren ihre eigene Tanzschule «Dance Studio Borak». Manche dürften ihren Sohn Daniel Borak kennen, der als Stepptänzer schon unzählige internationale Auszeichnungen gewonnen hat. Seit 30 Jahren wohnt ausserdem sie in einer 4-Zimmer-Wohnung über dem Studio. «Ich freue mich auf die neue Küche. Dafür zahle ich gerne ein wenig mehr», sagt sie. «Ich hoffe, dass auch das Tanzstudio nach der Sanierung bleiben darf», fügt sie nachdenklich an. Im Januar plant Terresta einen Infoanlass für alle Bewohnenden. Liba Borak hofft, dass sie dort erfährt, was mit dem Studio geschehen wird.

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Seit 43 Jahren ist das Tanzstudio an der Burgstrasse zuhause. (Bild: Gioia Jöhri)

Terresta und die SKKG seien sich bewusst, dass an der Burg- und Eckwiesenstrasse viele Menschen wohnen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Niemandem werde gekündigt, sagt Ariel Leuenberger von Terresta. Die Verwaltungwolle alles so kostengünstig wie möglich halten.a die Bausubstanz generell in guten Zustand sei, könne sie sich auf das Wesentliche konzentrieren: Neben den Bädern und Küchen lege man einen Fokus auf die Isolation. Dadurch erwartet Terresta 45 Prozent tiefere Heizkosten.

«Wir erhoffen uns mehr Komfort für die Mietenden, wenn es nicht mehr so durch die Fenster zieht.»

Ariel Leuenberger, Leiter Kommunikation Terresta

Zudem setze Terresta auf erneuerbare Energien, statt auf die alten Ölheizungen. Alles in allem rechne sie mit einem «moderaten Anstieg des Mietzinses». Genauere Informationen gibt es für die Mieter:innen aber erst am Infoanlass im Januar. Leuenberger betont: «Der Stiftungsrat der SKKG hat entschieden, nicht alle rechtlich zulässigen Sanierungskosten auf die Mietenden abzuwälzen».

«Wir wollen das Wohnen erschwinglich halten.»

Ariel Leuenberger, Leiter Kommunikation Terresta

Am Infoanlass wird auch ein extra engagierter Siedlungscoach anwesend sein. «Wir haben in einem Pilotprojekt bereits sechs bewohnte Wohnungen in Wülflingen saniert», erklärt Leuenberger. «Daraus haben wir gelernt, dass eine gute Kommunikation vor Ort sehr wichtig ist». Die Sanierung erfolgt in acht Etappen, immer in den vier Sommermonaten. Die erste startet bereits im Juni 2026 und betrifft circa 100 Personen. Während der Bauarbeiten sei der Siedlungscoach immer vor Ort und helfe bei Fragen und Problemen, sagt Leuenberger.

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Die Burgstrasse sei ein spannender Ort zum wohnen. Bewohnende erzählen, dass selbst Bettina Stefanini einst hier gewohnt hat. (Bild: Gioia Jöhri)

«Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie das mit dem Umbau gehen soll», sagt Liba Borek. Es bleibe spannend. Genau wie viele andere fühlt sie sich bis sehr wohl an der Burgstrasse. Der ältere Herr, der seit 1980 hier wohnt, meint, er würde nur für eine Parterre-Wohnung ausziehen. «Das würde meiner Katze gefallen», sagt er mit einem Schmunzeln.

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Gioia ist nicht nur in der Redaktion bei WNTI tätig, sondern arbeitet auch als Videoredaktorin bei SRF News. Winterthur kennt sie bestens, denn sie verbrachte hier ihre Gymnasialzeit. Ausserdem ist es gut möglich, dass sie mehr über dein Haus weiss als du selbst, denn schon bei der Historiker:innen Zeitschrift schrieb sie über die faszinierenden Geschichten, die in den Mauern und Fassaden der Städte verborgen sind. Ihre Leidenschaft für die früheren Lebenswelten der Winterthurer:innen ist ebenso ausgeprägt wie ihre Neugier auf die Lebensrealitäten anderer Menschen.

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