Winti denkt an Crans-Montana
Heute trauern wir um die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana. In Winterthur und der ganzen Schweiz läuten um 14 Uhr die Kirchenglocken, zum selben Zeitpunkt ist eine Schweigeminute vorgesehen. Kollektiv zu trauern, sei wichtig, sagt die Winterthurer Trauerbegleiterin Hanna Bienz. Für die Gesellschaft insgesamt und die Betroffenen im Besonderen.
Hanna Bienz, wie wird man Trauerbegleiterin?
Als ich neun war, starb mein Vater bei einem Autounfall plötzlich. Seit da gehört der Verlust einer nahen Bezugsperson und der Tod zu meinem Leben. Das hat zum einen eine schreckliche Seite, zum anderen schafft es aber auch ein Bewusstsein dafür, dass das Leben vergänglich ist – und dieses Bewusstsein macht das Leben für mich umso wertvoller.
Menschen, die jemand Nahestehendes verloren haben, sagen oft, sie wüssten sofort, wenn das Gegenüber ähnliches erlebt hat. Ist das bei Ihnen auch so?
Manchmal treffe ich jemanden, mit dem ich einfach gut resoniere. Wenn ich dann im Nachhinein höre, dass er oder sie ebenfalls eine Verlustgeschichte oder sonst ein prägendes Lebensereignis hatte, führe ich das schon darauf zurück.
Also hat Trauer auch etwas Verbindendes?
Sicher. Das Zeichen, in so einer Situation nicht alleine zu sein, ist für Betroffene extrem wichtig. In unserer Gesellschaft ist es häufig so, dass wir nur noch im engsten Familienkreis jemanden verabschieden oder beerdigen. Ein nationaler Trauertag, wie er heute für Crans-Montana stattfindet, ist natürlich eine andere Dimension, und zeigt die Wichtigkeit des Zusammenstehens: Es gibt Betroffenen das Gefühl, gesehen zu werden. Gerade das Kondolenzbuch, das jetzt aufgeschaltet ist, wird auch über längere Zeit noch diese Erinnerung tragen: «Da stehen viele Menschen mit euch, wir tragen das zusammen.»
Wie erinnern Sie sich an den Tod Ihres Vaters?
Meine Mutter hat sich dafür eingesetzt, dass unser Vater zu Hause aufgebahrt wurde. Das war für mich rückblickend sehr wichtig, weil ich einem geliebten Menschen nochmals nahe sein konnte. Eine Freundin meiner Mutter hat uns Kindern damals Sternenkissen mitgebracht, die selbst wir verzieren durften. Das war für unseren Trauerprozess sehr wertvoll, die Kissen haben wir zum Teil bis heute.
Also bringen Rituale Halt?
Wenn alles nur über einem hinweg passiert, erlebt man so ein Ereignis einfach nicht gleich. Deshalb ist das eigene Handeln so wichtig. Sei es, einen Gegenstand oder Brief in den Sarg mitzugeben, am Abschiedsritual etwas aktiv mitzugestalten oder mitzudenken, am Platz des Verstorbenen am Küchentisch eine Kerze aufzustellen oder an seinem Geburtstag sein Lieblingsessen zu kochen.
Den meisten Menschen kommen bei Ritualen jene der Kirche in den Sinn. Sind Sie Konkurrenten?
Wenn ein Ritual immer mehr ein Abspulen von Inhalten wird und man sich dort eher ausgestellt statt aufgefangen fühlt, ist das nicht förderlich. Manchmal fühlt sich die Zusammenarbeit mit der Kirche wie Konkurrenz an. Wir konnten mit der Pfarrerin oder dem Priester aber auch schon gemeinsam eine Feier organisieren und allen etwas mitgeben, das passte.
«Trauer ist der schmerzhafte Ausdruck von Liebe.»
Hanna Bienz, Trauerbegleiterin
Warum beschäftigen wir uns im Leben so selten mit dem Tod?
Im ersten Moment ist er schrecklich. Und es wäre anmassend, bei so einer Katastrophe wie der in Crans-Montana nach etwas Positivem zu suchen. Irgendwann aber kann es sein, dass aus einer solchen Situation trotzdem Lebenserfahrungen entstehen. Das Ereignis wird – wie für mich der Tod meines Vaters – immer ein prägendes bleiben. Aber der Raum darum herum kann wachsen, sich entwickeln und im Verhältnis zu diesem «schwarzen Loch» grösser werden.
Wer bereitet sich besser auf den Tod vor: Frauen oder Männer?
Ich weiss nicht, ob man das so sagen kann. In der Trauerarbeit sind wir viel mehr Frauen als Männer. Ich glaube, im Moment bereiten wir uns in der ganzen Gesellschaft nicht so mutig auf den Tod vor.
Sie begleiten auch Kindertrauergruppen. Wie erleben Sie die Kinder in ihrem Trauerprozess?
Es kommt immer darauf an, wie lange das Erlebnis her ist oder wie traumatisch es war. Oft machen diese Kinder einen schnellen Reifeprozess durch, und es ist wertvoll, wenn sie diese Erfahrung mit jemandem teilen können, der dasselbe erlebt hat. In einer akuten, traumatischen Verlustsituation kann auch zuerst das Gegenteil passieren, wie bei zwei Schwestern in unserer Gruppe: Ihr Verhalten, ihre Sprache wurden kindlicher. Da merkten wir: Für sie ist es noch zu früh, um in einer Kindertrauergruppe teilzunehmen. In so einem Fall ist zur Stabilisierung zuerst eine Einzelbegleitung in der Familie wichtig.
Ist trauern Arbeit?
Ja. Liebe ist Arbeit, und Trauer ist der schmerzhafte Abdruck von Liebe. Trauer bricht wie eine Welle über einen herein, da muss man ganz viel einordnen, entscheiden, sich auf neues einlassen.
Was würden Sie jemandem mitgeben, der eine nahestehende Person verloren hat?
Trauern ist eine Eigenschaft, die uns überlebensfähig macht. Haben Sie den Mut, auf das schwierige Thema zuzugehen.
Der Verein familientrauerbegleitung.ch, in dem auch Hanna Bienz Mitglied ist, bündelt ausgebildete Fachpersonen, die Angehörige nach einem Todesfall begleiten. Er organisiert und betreut verschiedene Kindertrauergruppen. Ab Januar 2026 gibt es auch eine in Winterthur. Infos und Kontakt: Kindertrauergruppe Winterthur.
Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.
Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.