Salomon Stadler und seine Pflanzenfossilien aus der Karbonzeit

Geschichte vor Ort

Wir zählen das Jahr 1875. Schülerinnen der oberen Mädchenschule Winterthur folgen aufmerksam dem Naturkundeunterricht ihres Lehrers Salomon Stadler (1842–1917), der als Mitglied des Bibliothekkonvents auch zuständig ist für die Tiersammlung der Stadtbibliothek. Die Schülerinnen wissen die Bildung zu schätzen, denn naturkundliche Fächer sind für Mädchen nicht üblich und der Zugang zur Bibliothek wurde ihnen eben erst gewährt. Der Lehrer ist botanisch besonders interessiert, wenig später wird er mit seiner Dissertation über den Bau von Blüten in Zürich zum Dr. phil. II promovieren und zugleich 300 Mio. Jahre alte Pflanzenfossilien aus dem Unterwallis sammeln und bestimmen. Diese Objekte wird seine Frau nach seinem Tod dem Naturmuseum Winterthur übergeben. Im Herbst 2025, über ein Jahrhundert später, wird eine Studentin darüber staunen und versuchen, die noch unbenannten Stücke zu bestimmen.

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Tektonische Gesteinsbewegungen haben dieses Wedelstück des Nervenfarns Neuropteris ovata asymmetrisch verzogen, ohne dass die Blattnervatur dabei verloren ging. (Bild: zvg)

Manche der Fossilien – sie gehören zu den ältesten der Schweiz – heben sich golden von den dunklen Tonschieferplatten ab, während man andere erst erkennt, wenn im richtigen Licht ein Glanz entsteht. Die zierlichen Blattquirle der Annularien erzählen von bis 20 m hohen Schachtelhalmen, die zusammen mit fast doppelt so hohen Bärlappbäumen die karbonischen Sumpflandschaften besiedelten und viel zur Biomasse der heute abgebauten Steinkohlen beitrugen Daneben zeugen verzogene Ausschnitte von Farnwedeln von der damals üppigen Farnflora, aber auch vom enormen Druck, dem die Fossilien bei der Alpenbildung ausgesetzt waren. Erstaunlicherweise blieb dabei die Struktur mancher Stücke so klar erhalten, dass ihre Bestimmung heute noch möglich ist. Die Objekte, die zusammen mit anderen Schätzen in der Sammlung des Naturmuseums lagern, können mehrmals jährlich mit den Kuratorinnen bestaunt werden.

Katrin Junker studiert Umweltingenieurwesen an der ZHAW Wädenswil. Für ihr Studium hat sie eine Semesterarbeit zu Salomon Stadlers Karbonpflanzen geschrieben. Zudem arbeitet sie in Projekten zur Digitalisierung der Sammlungen des Naturmuseums Winterthur mit, wozu auch die Transkription der handschriftlichen Protokolle des Bibliothekkonvents aus der Zeit Stadlers gehört.

WNTI-Kolumne-Geschichte

Unter der Rubrik «Geschichte vor Ort» schreiben verschiedene Autor:innen aus dem Geschichtennetzwerk Winterthur.

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