Mehr als nur Büchersammlung – die Stadtbibi ist Treffpunkt, Zufluchtsort und Kreativraum
Halb fünf an einem Dienstag und die Stadtbibliothek ist rappelvoll. Menschen allen Alters lernen, schnoiggen, recherchieren oder chillen. Eltern lesen ihren Kindern vor. Ich bin hier, um herauszufinden, wie es der Stadtbibliothek so geht. Mein Fazit vorweg: Sie ist ein Ort für Viele und Vieles, aber nicht zwingend, um Bücher auszuleihen.
Auf meine Frage, ob das altbewährte Prinzip Bibliothek überhaupt noch funktioniere, sagt die Leiterin der Winterthurer Bibliotheken, Franziska Baetcke: «Man muss sowieso laufend neue Ideen haben.» Die letzten Jahre hätten gezeigt, dass die Bibliothek als Ort sehr gesucht sei. Nicht alle sind da, um etwas auszuleihen. Sie wärmen sich auf, lernen und arbeiten, planen etwas, treffen sich mit andern, lesen die Zeitung oder wollen einfach abschalten.
Drucker und Computer stehen zur Verfügung, Kinder können vor Ort Geschichten auf der «Toniebox» hören oder zu bestimmten Zeiten gamen. Ein Bild- und Tonstudio ist mit einem Greenscreen, Beleuchtung, Film- und Fotokamera, Audiotechnik und einem ganzen Bandsatz an Instrumenten ausgestattet. Es gibt eine schallisolierte Kabine für Aufnahmen und Fokusboxen mitten in der Bibliothek. Sie können beispielsweise für einen Viedocall reserviert werden. Für die Umsetzung handwerklicher oder digitaler Projekte finden Kreative hier unter anderem Nähmaschine, Lasercutter und 3D-Drucker. Und ein Sammelsurium an Material, das verarbeitet werden darf. Wer genaue Vorstellungen hat, bringt sein eigenes mit. Die Nutzung des Ateliers ist mit Bibliothekskarte kostenlos, beim 3D-Drucken etwa muss das Druckmaterial bezahlt werden. Mit diesen Angeboten wolle man das Prinzip des Teilens fördern und das Verständnis dafür, dass Wissen nicht nur in Büchern stecke, so Baetcke.
Die Bücherausleihe ist also längst nicht mehr der einzige Grund, warum Menschen die Bibliothek aufsuchen. Da zunehmend online ausgeliehen werde, beschafften sie auch weniger neue Bücher und würden sich auf verschiedene Medien konzentrieren, so die Bibliotheksleiterin. Dafür gibt die Stadt trotz Kürzung des Kredits mehrere hunderttausend Franken pro Jahr aus. Ein Buch bleibt in der Regel fünf bis zehn Jahre im Regal. Ist es kein Klassiker und wird nicht regelmässig ausgeliehen, muss es wieder gehen. Medienwünsche kann man online anbringen, allerdings gibt es klare Erwerbungsrichtlinien.
Was gut laufe, sei der «BookTok»-Tisch im ersten Stock. BookTok ist eine Community aus TikTok-Nutzer:innen, die in Videos über ihre Lieblingsbücher sprechen. Immer wieder gehen solche Buchempfehlungen viral und beeinflussen die Bestsellerlisten. Diese Trends holt sich auch die Stadtbibliothek.
Wer einen Bibliotheksausweis hat, kann über die App LibbyE-Bücher ausleihen. In der elektronischen Bibliothek gilt das gleiche Prinzip wie in der physischen: Es hät solang`s hät. Die Stadtbibi kauft Lizenzen für eine bestimmte Anzahl Exemplare. Die Zahlen der Nutzenden seien während Covid rapide gestiegen und seither nie mehr heruntergekommen, sagt Baetcke.
Abonent:innen steht eine Film-Streamingplattform zur Verfügung, sie heisst filmfriend. Ein kurzer Check meinerseits bestätigt: Fans von Independent-Filmen und europäischen Produktionen kommen hier auf ihre Kosten. Und Familien. Filme leihen überraschend viele nach wie vor physisch aus. Laut Baetcke seien vor allem Eltern von jüngeren Kindern gerne altmodisch unterwegs, aber auch bei den Erwachsenenfilmen werde laufend aufgestockt mit Neuerscheinungen. CDs sind nicht mehr so gefragt und verschwinden langsam aus dem Sortiment.
2022 sind die Winterthurer Bibliotheken auf ein neues System umgestiegen, um das elektronische Angebot zu erweitern, worauf der Abopreis für eine erwachsene Person von 50 auf 65 Franken stieg. Das analoge lasse sich nicht vom Online-Angebot trennen, so Baetcke. Für Kinder bis 16 Jahre ist das Abo gratis. Schon länger ist die Stadtbibliothek am Donnerstagabend nicht mehr bis 20 Uhr geöffnet. Das habe den einfachen Grund, dass die Winterthurer:innen dieses Angebot nicht genutzt hätten, erzählt mir die Betriebsleiterin. Das verbreitete Prinzip der «open library» – einer immer zugänglichen, nicht betreuten Bibliothek – sei immer wieder Thema. «In Wülflingen ist das bereits umgesetzt, weitere Standorte in den Quartieren werden folgen. Für die Stadtbibliothek haben wir die passende Lösung noch nicht gefunden.»
Jonglieren kann Maria eigentlich nicht. Wir finden aber schon. Denn sie schreibt für WNTI, organisiert den Alltag ihrer drei Söhne und musiziert. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen machte sie beim Mamablog des Tages-Anzeigers und als freie Texterin. Heute findet sie ihre Geschichten in all den Menschen, die sie in den 20 Jahren, in denen sie in der Stadt wohnt, kennen und schätzen gelernt hat.