«Man muss auch die im Blick haben, die es gerne anders gehabt hätten.»

Mit Christian Hartmann würde die Schere im Stadtrat zwar grösser, dafür wäre seiner Meinung nach auch die Bevölkerung breiter repräsentiert. Der SVP-ler aus Wülflingen kocht gerne und mag Quartierbeizen, auch wenn er selbst an keinem Stammtisch sitzt. In der Taverne zum Hirschen sprach er mit Maria über die Blaue Zone, Geldverschwendung und den Zusammenhalt im Stadtrat.

Auf die Frage, wo wir uns treffen sollten, kam die Antwort des Wülflingers postwendend: In der Taverne zum Hirschen. Zuletzt war die Partei 2018 im Stadtrat vertreten. Nun will sie der 58-Jährige zurück in den Superblock bringen. Der Unternehmer ist seit sechs Jahren Mitglied des Stadtparlaments und präsidiert die Aufsichtskommission – das Kontrollorgan, das dem Stadtrat auf die Finger schaut.

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Christian Hartmann sagt, er mache Politik für Winti – das grösste Dorf der Schweiz. (Bild: Robyne Dubief)

Christian Hartmann, wir treffen uns im Hirschen – einer Quartierbeiz. Um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu spüren, machten Sie eine Beizentour. Welchen Stellenwert hat der Stammtisch für Sie?

Ich bin keiner, der am Stammtisch sitzt. Als Wülflinger schätze ich den Hirschen als Treffpunkt. Quartierbeizen sind wichtig und wir müssen froh sein, wenn wir noch eine pro Quartier haben. 

Sie sagen, sie würden sich als Stadtrat tagtäglich fragen, was die echten Sorgen der Bevölkerung seien und wie sie den Menschen das Leben vereinfachen könnten. Das klingt für mich nach Durchschnittsbedürfnis.

Es gibt kein Durchschnittsbedürfnis. Die Lösungen für Veltheim passen nicht unbedingt für Hegi oder Wülflingen. In Töss ist die Bevölkerung, sind die Bedürfnisse anders, als am Rychenberg. Und doch hat die Stadt bei vielen Themen ein einziges Konzept, das dann überall ausgerollt wird. Es ist eine Frage des Denkens. «Ich habe mit drei verschiedenen Leuten gesprochen und weiss jetzt, wie es ist» funktioniert eben nicht. Man kann nicht von weit weg Dinge planen, die die Bevölkerung im Kleinen betreffen. Es gibt einfach Sachen, die ich nicht verstehe. Beispiel Güsel: Recycling in Winterthur ist eine Wissenschaft. Es ginge einfacher.

Dann dürfen wir von Ihnen ein neues Recycling-Konzept erwarten?

Also das kommt dann darauf an, für welches Departement ich zuständig wäre.

Winterthur hatte die letzten vier Jahre eine linke Mehrheit im Stadtrat. Die urbanen Gebiete in der Schweiz orientieren sich zunehmend links. Wie schätzen Sie Ihre Chancen als SVP-ler ein? 

Ich schätze sie als intakt ein. Ich habe den Eindruck, dass der Stadtrat zum einen mit Entscheiden, die er in den letzten Jahren getroffen hat, viel Kredit bei der Bevölkerung verloren hat. Zum anderen merke ich, dass Themen, die mich beschäftigen, Resonanz finden – beispielsweise das Thema Wohnen. Oder der vernünftige Umgang mit Steuergeldern. Ich stelle fest, dass die Bevölkerung viele Fragezeichen hat, was die Politik des Stadtrates betrifft.

Beim Wohnen sind Sie ja nicht der Einzige, der Ideen hat. Sind die anderen Ansätze aus Ihrer Sicht nicht gut?

Naja, bisher war der Stadtrat nicht wahnsinnig aktiv. Er hat einen Volksbeschluss umgesetzt, der 120 Wohnungen im Jahr verlangt. Wobei umgesetzt schon zu viel gesagt ist – er hat einmal eine Verordnung gemacht. Ich bin der Meinung, dass wenn die Stadt schon Wohnungen subventioniert, diese zuerst denen zur Verfügung gestellt werden sollten, die schon hier sind. Wenn es nach mir ginge, müsste man mindestens drei Jahre hier gewohnt haben, um sich bewerben zu dürfen. Das verlangt die Wohninitiative der SVP.

Wer wählt Christian Hartmann? Auf wen hoffen Sie?

(lacht.) Ich denke, die Wülflinger wählen mich. Ich bin jetzt ein Jahr im Wahlkampf. In diesem Jahr habe ich festgestellt, dass ich bis weit in die Mitte, sogar bei der moderaten Linken auf Zustimmung stosse. Das macht mich zuversichtlich. Gewählt bin ich deswegen aber noch nicht.

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Die Stapo müsse man nicht ausbauen, sondern sie ihre Arbeit machen lassen. Ginge es nach Hartmann, würde die Polizei vom Stadtrat den Auftrag erhalten, Demos mit Sachbeschädigung aufzulösen. (Grafik: WNTI)

Am Landbote-Podium sagten sie, sie würden gerne Entscheide fällen, die zwei Drittel der Bevölkerung unterstützen. Was wäre denn ein solcher Entscheid?

Es geht mir nicht um die zwei Drittel, sondern um das andere Drittel. Man muss auch die im Blick haben, die es gerne anders gehabt hätten. Die gehen häufig vergessen. An der Blaue-Zone-Regelung zum Beispiel stören sich  viele Leute.

Sie würden die Parkzeit von einer auf vier Stundenverlängern. Warum?

Vier Stunden sind eine gute Zeit für Besuch, oder wenn man einen Handwerker im Haus hat. Es ist aber nicht lange genug, dass Pendlerinnen und Pendler diese Parkplätze nutzen. Die Blaue Zone ist auch ein Erfolg, weil die Parkplätze nicht mehr von Auswärtigen besetzt werden und wieder den Anwohnerinnen und Anwohnern gehören. Die Regelung finde ich gut. Eine Stunde ist einfach viel zu kurz.

Das Reduzieren des Autoverkehrs von Aussen nach Innen, aber auch in der Stadt drin, ist nicht auch eine Variante, die sie sich vorstellen könnten?

Weniger Autoverkehr in der Stadt wäre sicher positiv. Aber was macht man mit dem Verkehrsbedürfnis? Die Stadtbusse fahren auf den Hauptstrassen sehr regelmässig und das ist ein gutes Angebot, aber ausserhalb hört es schnell auf. Um den Verkehr in Winterthur zu reduzieren, müsste man die Verkehrsverbindungen der Aussengemeinden ausbauen und die Querverbindungen innerhalb Winti verbessern. Und nicht erschlossene Gebiete anschliessen.

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Hartmann wünscht sich mehr Zusammenhalt im Stadtrat. Mit einem SVP Sitz werde vielleicht die Diskrepanz grösser, es würden aber auch mehr Bevölkerungsteile repräsentiert. (Bild: Robyne Dubief)

Ihrer Meinung nach muss die Stadt besser haushalten und straffer budgetieren. Wo würden Sie als Erstes anfangen zu sparen? 

Der Fokus liegt für mich nicht auf dem Sparen, sondern darauf, kein Geld zu verschwenden. Momentan wird immer so budgetiert, dass es sicher reicht. Im Budget entsteht Luft, weil jemand sagt: Ich will das machen und es soll ganz sicher genug haben. Überlegungen, was mit dem Überschuss passiert, finden nicht statt. Also wird er verbraucht. Dieses Problem gibt es nicht nur im Stadtrat, alle grossen Organisationen und Firmen sind mit dieser Herausforderung konfrontiert. Ich bin dafür, dass ein Teil des budgetierten Geldes zurückgehalten und zum Beispiel die letzten zwei Prozent nur bei ausgewiesenem Bedarf freigegeben werden.

Wer ist Christian Hartmann privat?

Politik machst du entweder voll und ganz oder nicht. Daher nimmt sie viel Platz ein. Ich bin aber zum Beispiel in einem privaten Kochclub. Wir mieten zu zwölft eine Küche und jeden Monat ist jemand dran mit Menüplan und Organisation. Die meisten wählen Gerichte, die gut zu ihnen passen.

Was haben sie zuletzt gekocht?

Japanisch. Es gab Nudelsuppe und Tempura. Ich lebte und arbeitete zwei Jahre in Hongkong und bin etwas herumgekommen. Asiatisch gibt es bei mir immer mal wieder.

WNTI-Portrait-Maria-Wyler

Jonglieren kann Maria eigentlich nicht. Wir finden aber schon. Denn sie schreibt für WNTI, organisiert den Alltag ihrer drei Söhne und musiziert. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen machte sie beim Mamablog des Tages-Anzeigers und als freie Texterin. Heute findet sie ihre Geschichten in all den Menschen, die sie in den 20 Jahren, in denen sie in der Stadt wohnt, kennen und schätzen gelernt hat.

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