Kaltbaden gegen den Winterblues

Die Luft hat ziemlich genau null Grad, das Wasser sieben. Auf den Holzpfosten, die hier aus der Töss ragen, liegt noch ein Restchen Schnee. Gleich gehe ich baden. Ob ich Füsslinge dabei hätte, fragen die anderen. Nope. Dann soll ich besser die Hände draussen lassen und die Handschuhe anbehalten.

Im Februar während der Pandemie hatten zwei Mirjams die spontane Idee, mit Neoprenanzug im Hüttwilersee schwimmen zu gehen. An einem schönen Sonntag im darauffolgenden Oktober ging Mirjam S. erneut mit einer Freundin in den See. Ohne Neopren. Und dann am nächsten und übernächsten auch. «Es wurde kälter, aber es ging. Da sagte eine von uns: ‹Komm, wir ziehen das durch›», erzählt sie. So entstand die Kaltbade-Gruppe. Die Veltemerin hat diese Saison noch keinen Sonntag ausgelassen. Heute sind noch drei andere Frauen dabei. Und ich. Mit dem Kuhnagel meines Lebens. Ich bin sicher, ich hätte über ein Nagelbrett gehen können und hätte nichts gespürt.

20251126_Kaltbaden2_Maria
Der harte Kern: Angefangen hat alles mit Mirjam S. (links) und Mirjam H. im Hüttwilersee. Durch sie wurden weitere Winterthurer:innen mit der Kaltwasserliebe angesteckt. (Bild: Fabian S.)

Es sei jedes Mal wieder schlimm, reinzugehen, trösten mich die Frauen. «Ich glaube, dass Kaltbaden das Immunsystem stärkt, ist ein Mythos», sagt eine. Seit sie das mache, sei sie nicht mehr und nicht weniger krank. Eine andere fügt an: «Du machst das für die Psyche. Sicher ist es gesund, wöchentlich bei jedem Wetter rauszugehen – auch für den Körper.» Aber darum geht es den Vieren nicht. Mirjam ist seit sechs Jahren selbständige Hairstylistin und Geschäftsinhaberin in Winterthur. 

«Das Einzige, was ich machen muss, ist reingehen – alles andere macht der Körper.»

Mirjam S., Hairstylistin

Januar und Februar seien über Jahre hinweg schwierige Monate für sie gewesen, erzählt sie. Der Dezember sei sowieso hektisch, aber auch die Menschen anders drauf und die würden alles bei ihnen abladen. «Ich bin von Natur aus ein positiver Mensch. Aber es gab immer diesen Peak im Jahr, an dem ich mich selbst nicht mehr spürte. Seit ich ins Wasser gehe, hat sich das geändert», so die 40-Jährige. Es sei die Kombi: Am Sonntag etwas unternehmen, bei jedem Wetter rausgehen, die Umstände so annehmen, wie sie gerade sind, und zusehen, wie sich ein Ort im Laufe des Jahres verändert. Für sie hat es nichts mit Leistung zu tun: «Das Einzige, was ich machen muss, ist reingehen – alles andere macht der Körper.» Und die Gruppe findet Mirjam noch wichtiger als das Kaltbaden an sich. Auch mir fällt auf, dass der Austausch mindestens so viel Platz einnimmt. Die Gespräche sind persönlich, aber entspannt. Und vor allem ist es sehr lustig.

IMG_1649
Mirjam (Mitte): «Wenn jemand sagt, ich kann das nicht, muss ich immer lachen. Man muss ja nichts Besonderes können.» (Bild: Anina L.)

Apropos Winterdepression: Es gibt sie. In einem Interview, welches das KSW zum Thema veröffentlichte, nennt die Psychologin Patricia Hertig die kurzen Tage und der damit verbundene Lichtmangel als Hauptauslöser. Dadurch wird die Produktion des Hormons Melatonin unterdrückt, was zu Müdigkeit, Schlafstörungen und Stimmungstiefs führen kann. Eine sogenannte saisonale affektive Störung kann mit einer Lichttherapie behandelt werden. Laut Hertig gibt schon ein bedeckter Himmel mehr Licht ab, als künstliche Lichtquellen. Auch Marco Hofstetter von «Tel 143 – Die dargebotene Hand» empfiehlt, trotz Ruhebedürfnis auch bei Nässe und trübem Wetter nach draussen zu gehen. Der November bringe aber nicht zwingend mehr Anrufe mit sich. Die Anrufzahlen bei der Geschäftsstelle Winterthur/Schaffhausen/Frauenfeld seien insgesamt von Jahr zu Jahr gestiegen, so Hofstetter. Niedergeschlagenheit habe in vielen Fällen mit Überforderung zu tun. Der Geschäftsleiter weiss: «Ein Gegenüber, das zuhört, kann in solchen Momenten bereits Hoffnung schenken.»

WNTI-Portrait-Maria-Wyler

Jonglieren kann Maria eigentlich nicht. Wir finden aber schon. Denn sie schreibt für WNTI, organisiert den Alltag ihrer drei Söhne und musiziert. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen machte sie beim Mamablog des Tages-Anzeigers und als freie Texterin. Heute findet sie ihre Geschichten in all den Menschen, die sie in den 20 Jahren, in denen sie in der Stadt wohnt, kennen und schätzen gelernt hat.

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare