Ein Monat ohne Drinks? Ein nüchterner Blick auf den Alkohol

Der «Dry January» gewinnt auch in Winterthur an Bedeutung. Doch was bringt der bewusste Alkoholverzicht wirklich? Ein Einblick in die Trinkkultur von einem Suchtexperten.

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Noch ein letzter Drink? Bild: Marit Langschwager

«Noch einmal eis go zieh und dann ist fertig», sagt Lukas und nippt an seinem Bier. So wie er verzichten im Januar viele bewusst auf Alkohol. Der «Dry January»-Trend setzt sich auch in Winterthur durch. Aber was bringen wenige Wochen ohne Alkohol? «Ein Glas Rotwein am Abend ist doch gesund» – ein Satz, der nicht selten fällt, wenn jemand Alkohol ablehnt. Solche Mythen halten sich hartnäckig, sagt der Winterthurer Psychologe Christoph Kreiss. Der 32-Jährige arbeitet in der Forel-Klinik mit suchtkranken Menschen.

Für die Betroffenen in der Klinik sei der Jahreswechsel mit all den Anlässen und Feiern besonders herausfordernd. Denn ob Weisswein zum Fondue oder der Apéro vor dem Essen – Alkohol ist nach wie vor fest in kulturellen Traditionen verankert.

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«Wenn Alkohol zur festen Priorität wird, etwa das tägliche Feierabendbier, kann das in eine Abhängigkeit führen.»

Christoph Kreiss, Psychologe an der Forel-Klinik

Der «Dry January» setzt genau hier an: 31 Tage ohne alkoholische Getränke. Kreiss beurteilt diesen Trend grundsätzlich positiv: «Er schafft Bewusstsein und ist eine Form der Willensprüfung.» Aber sich das ganze Jahr einen über über den Durst zu gönnen und dann einen Monat komplett auf Alkohol verzichten: Kann das etwas bewirken? Der Experte sieht den Trend positiv: «Ein Verzicht kann unter anderem die Schlafqualität, Konzentrations- und Merkfähigkeit oder Leberwerte verbessern.» Gleichzeitig kann der alkoholfreie Monat auch ein Warnsignal sein. Etwa dann, wenn Entspannung ohne das abendliche Glas Wein kaum möglich scheint. Zwar trinken Jugendliche seit Jahren weniger Alkohol, doch ein bestimmtes Konsummuster bleibt verbreitet – auch unter Erwachsenen: der episodisch risikoreiche Konsum. Rund 15 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren trinken dabei regelmässig grosse Mengen. Als risikoreich gilt laut Bundesamt für Gesundheit der Konsum von mindestens vier Gläsern bei Frauen oder fünf bei Männern innerhalb weniger Stunden, mindestens einmal pro Monat.

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Viele Betroffene schämen sich wegen ihres Konsums und würden zu Spirituosen wie Wodka greifen, da sie kaum einen Alkoholgeruch hinterlassen. (Bild: Marit Langschwager)

«Wenn Alkohol zur festen Priorität wird – etwa das tägliche Feierabendbier –, kann das in eine Abhängigkeit führen», warnt Kreiss. Eine einfache Faustregel könne helfen: Wer einen alkoholfreien Tag pro Woche, eine alkoholfreie Woche pro Monat und einen alkoholfreien Monat pro Jahr problemlos einhalte, sei in der Regel nicht suchtkrank. Dabei würden viele Betroffene jedoch viele Strategien aufstellen, um ihre Sucht geheim zu halten: «Sucht ist immer mit Scharm verbunden und viele versuchen, diese vor ihren Mitmenschen zu verstecken.»

Parallel dazu verändert sich auch die Gastronomie. In Winterthur bieten Bars wie das Fahrenheit, Plan B, Riva oder das Alltag sowie viele weitere mittlerweile eine breite Auswahl an kreativen Null-Prozent-Drinks an. Alkoholfreie Alternativen gelten als unkomplizierter Ersatz beim Essen oder beim Ausgang. Für suchtkranke Menschen bergen sie jedoch auch Risiken. «Solche Getränke können als Trigger wirken und Erinnerungen an den Alkohol auslösen», sagt der Experte.

Genuss sei ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, sagt Kreiss. «Der Rausch gehört zum Menschsein.» Umso wichtiger sei es, Genuss und Gemeinschaft bewusst und in einem gesunden Rahmen zu erleben. Der «Dry January» könne dabei helfen, den eigenen Lebensstil zumindest einmal mehr kritisch zu hinterfragen.

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Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.

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