Auf der Spur des Generationengrabens
Am «Podium der Generationen» ist das Coalmine brechend voll. Bei der ersten von insgesamt vier Podiumsdiskussionen haben WNTI und Stadtfilter den jüngsten beziehungsweise ältesten Stadtparlamentskandidierenden verschiedener Parteien eine Stimme gegeben.
Bereits als Moderator Tizian Schöni alle eingeladenen Stadtparlaments-Kandidierenden auf die Bühne bittet, gibt es die ersten Lacher im Publikum. «Die Jungen stehen hier und die Alten, äh Reiferen da», erklärt Schöni und fügt schmunzelnd an: «Heute kann ich ja nur ins Fettnäpfchen treten.» Warum ist es eigentlich unhöflich, jemanden als «alt» zu bezeichnen? Gabi Stritt (65) von der SP sitzt bereits seit elf Jahren im Stadtparlament und sieht den Generationengraben vor allem in der «Altersdiskriminierung». «Ich sehe in den Medien häufig negativ gezeichnete Bilder vom Alter. Dabei gibt es nicht ‹die Alten›, wir sind genauso divers wie alle anderen Altersgruppen», sagt sie. Tizian Schöni fragt nach konkreten Themen, die Spaltungspotenzial haben und kommt auf die 13. AHV-Rente.
Cyrill Kammerlander (30), der sich in der Mitte-Partei engagiert, hält die 13. AHV für unsozial: «Es hätte nicht sein müssen, dass alle nach dem Giesskannenprinzip gleich viel erhalten.» Gabi Stritt findet es trotzdem richtig, dass viele Junge der Vorlage zugestimmt haben. «Schliesslich stimmen wir Älteren auch für Anliegen der jungen Generation, beispielsweise für den Vaterschaftsurlaub», sagt sie. Einen sachpolitischen Generationengraben sehen die Podiumsteilnehmenden jedoch nicht. «Nein», findet auch Tim Kramer (24) von der SVP: «Ich erlebe das nicht so und glaube, dass parteiliche Überzeugungen wichtiger sind als Alter oder Geschlecht.»
Weil es auf der kleinen Bühne doch recht eng ist, werden die Kandidierenden in kleinere Gruppen aufgeteilt. Nicole Holderegger (51) von der GLP, Julius Praetorius (25) von den Grünen, Elmonda Bajraliu (25), FDP-Politikerin und ihr Parteikollege Felix Helg (60) diskutieren über Jugendkriminalität. GLP-Politikerin Nicole Holderegger ist seit 2022 im Stadtparlament und setzt sich dafür ein, dass im Jugendstrafrecht weniger Gefängnisstrafen verhängt werden.
Dass die Jugendkriminalität in den letzten Jahren gestiegen ist, weiss sie auch aus beruflicher Erfahrung. Sie ist stellvertretende Oberjugendstaatsanwältin im Kanton Zürich. Auf die Frage nach den Gründen für die Zunahme von Jugendstraffällen will sie sich nicht festlegen und meint: «Jeder Fall ist individuell und multifaktoriell». Julius Praetorius und Elmonda Bajraliu sehen einen Grund aber in der Corona-Pandemie, die sie beide als junge Menschen erlebt haben. Praetorius meint: «Soziale Räume, die sich in den digitalen Raum verlagern, fördern Radikalisierung». Und Bajraliu fügt hinzu, dass Corona auch die Chancen der Jungen in der Berufswelt negativ beeinflusst hat: «Auf Stellensuche antworten mittlerweile drei Viertel der Unternehmen nicht einmal mehr».
Auf diese ernsten Themen folgt nun ein auflockerndes Quiz, das das Winti-Wissen von alten und jungen Kandidierenden des Stadtparlaments testen will. So viel vorneweg: In allen Altersgruppen gäbe es noch Verbesserungspotential. «Etzt chömeds denn go s Trottoir ufeklappe». Dass es sich dabei um die Arbeiter-Sperrstunde, die die Polizei durchzusetzen hatte, handelte, wussten die Jungen generationsbedingt nicht. Die Älteren glänzten nicht dabei, einen ehemaligen Stadtpräsidenten von Winterthur zu erkennen. Erst nach ungläubigen Rufen aus dem Publikum, kam die zögernde Antwort: Ernst Wohlwend, Stapi von 2002 bis 2012.
Nun bittet Moderator Tizian Schöni alle Kandidierenden auf die Bühne, die neu ins Stadtparlament wollen. Haben sie als junge Personen überhaupt eine Chance gewählt zu werden? Tim Kramer ist auf der SVP-Liste auf Platz drei, seine Wahl gilt deshalb als sicher. Wie kommt es, dass er als Junger so weit vorne platziert wurde? «Ich habe viel für die Partei gebüezt», sagt er. Und was würde er als Stadtparlamentarier als Erstes fordern? «Eine Bushaltestelle in Stadel und den Abbau der Schulden», meint er. Elmonda Bajraliu steht auf der FDP-Liste auf Platz 13, vor vier Jahren war es noch Platz 29. Trotzdem sind Parlamentswahlen Parteienwahlen. Wer also nicht auf den vorderen Listenplätzen steht, wird selten gewählt. Auch Elmonda Bajraliu würde sich für mehr Finanzverantwortung einsetzen, falls sie gewählt wird. Und weshalb hat es bei der Mitte-Partei keine Jungen vorne? Cyrill Kammerlander meint dazu: «Das ausgeglichene Verhältnis von Frauen und Männern ist wichtiger. Und auch da gibt es in der Mitte-Partei noch Verbesserungspotential.»
Zum Abschluss des Podiums macht sich Nicole Holderegger für ein Stimmrechtsalter von 16 Jahren stark. Felix Helg widerspricht ihr und plädiert weiterhin für eine Altersgrenze von 18 Jahren. Beide erhalten Applaus vom Publikum. In der anschliessenden Fragerunde möchte das Publikum wissen, was für Kinder getan werden sollte, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Die SP-Vertreterin fordert mehr Frühförderung, während die Bürgerlichen sagen, dass das heutige System genüge. Nicole Holderegger plädiert ebenso für Frühförderung und zusätzlich für eine funktionierende KESB. Ein brisanter Vorschlag zur 13. AHV aus dem Publikum bringt einige auf dem Podium kurz aus dem Konzept: Alle, die finanziell nicht auf die zusätzliche Rente angewiesen sind, sollen sie spenden. Diesem Vorschlag kann sogar FDP-Politiker Felix Helg etwas abgewinnen, wenn auch nur, wenn es «jedem freigestellt» bliebe.
An der Bar gehen nach dem offiziellen Teil des Podiums die Diskussionen zwischen Jung und Alt weiter. Dass damit ein Beitrag zur Verkleinerung des Generationengrabens geleistet wird, gerät im lebhaften Austausch fast in Vergessenheit.
Gioia ist nicht nur in der Redaktion bei WNTI tätig, sondern arbeitet auch als Videoredaktorin bei SRF News. Winterthur kennt sie bestens, denn sie verbrachte hier ihre Gymnasialzeit. Ausserdem ist es gut möglich, dass sie mehr über dein Haus weiss als du selbst, denn schon bei der Historiker:innen Zeitschrift schrieb sie über die faszinierenden Geschichten, die in den Mauern und Fassaden der Städte verborgen sind. Ihre Leidenschaft für die früheren Lebenswelten der Winterthurer:innen ist ebenso ausgeprägt wie ihre Neugier auf die Lebensrealitäten anderer Menschen.