Winterthur wird europäisch närrisch – aber reicht das?
Die Winterthurer Fasnacht steht 2026 im Rampenlicht – zumindest offiziell. Gleichzeitig stehen die Organisatoren vor Herausforderungen, etwa beim Nachwuchs, bei der Finanzierung und bei organisatorischen Fragen.
Wenn von Fasnacht die Rede ist, fallen vielen zuerst Städte wie Basel oder Luzern ein. Winterthur steht seltener im Fokus und doch trägt die Stadt 2026 einen Titel, der überrascht: «Närrische Europäische Kulturstadt 2026». Andreas Kappeler, Präsident der Fasnachts-Gesellschaft Winterthur (Fakowi), sieht darin eine Chance, die Winterthurer Fasnacht sichtbarer zu machen.
Dass die Fasnacht in Winterthur am Kränkeln sei, weist der 52-Jährige entschieden zurück. Im Gegenteil: Die Bewegung sei spürbar. «Immer mehr Fasnachtsvereine wollen unbedingt in Winterthur mitmachen», sagt er. In den vergangenen fünf Jahren sei die Szene stark gewachsen und werde zunehmend auch ausserhalb der Region wahrgenommen. Trotzdem: Ein Konkurrenzdenken gegenüber den grossen Fasnachtsstädten will er nicht. «Wir greifen Basel und Luzern sicher nicht an», betont er.
«Unser Brauchtum und unsere Kultur sollen weiterleben. Aber es ist ein Problem mit der Jugend: Da ist einfach zu wenig Interesse.»
Andreas Kappeler, Fakowi-Präsident
Hinter dem bunten Treiben stecken viel Arbeit und einige offene Baustellen. Besonders der Nachwuchs bereitet Sorgen. «Unser Brauchtum und unsere Kultur sollen weiterleben. Aber es ist ein Problem mit der Jugend: Da ist zu wenig Interesse», sagt er. Viele würden vor allem den Aufwand scheuen.
Auch die Finanzierung bleibt ein Dauerthema. «Wir finanzieren uns über Sponsoren und Plaketten. Ohne den Plakettenverkauf können wir keine Winterthurer Fasnacht mehr machen», erklärt Kappeler. Gleichzeitig merke man, dass die Unterstützung über den Plakettenverkauf nicht mehr besonders gefragt sei. Und je grösser der Anlass, desto mehr braucht es Menschen im Hintergrund. Sein Fazit ist klar: «Ohne Helfer sind wir chancenlos.»
Hinzu kommen organisatorische Fragen, wie etwa die Unterbringung der Fasnachtsgruppen. Kappeler habe bei der Stadt angefragt, ob Turnhallen oder Zivilschutzanlagen als Übernachtungsmöglichkeit genutzt werden könnten. Die Stadt lehnte dies ab. Stadträtin Martina Blum erklärt, ihr Departement habe bei solchen Anfragen bisher auf die Unterkunftsmöglichkeit beim Teuchelweiher verwiesen, da diese für Gruppenübernachtungen vorgesehen sei.
Weil die Anlage zuletzt vor allem für ukrainische Geflüchtete genutzt wurde, habe das Departement bei Grossanlässen Turnhallen zeitweise ausnahmsweise freigegeben. Die Erfahrungen seien jedoch häufig negativ gewesen, etwa wegen Verschmutzungen und Lärmproblemen. Deshalb stelle die Stadt Turnhallen für Übernachtungen heute nicht mehr zur Verfügung. Für Zivilschutzanlagen sei zudem das Departement Sicherheit und Umwelt zuständig.
Kappeler kritisiert den Entscheid: «Das macht in unseren Augen keinen Sinn. Nebenbei machen wir sehr viel für die Stadt und das wird nicht wertgeschätzt.» Für die Fakowi wird 2026 damit nicht nur ein Jahr der Aufmerksamkeit, sondern auch eines, in dem sich zeigt, ob der Aufschwung langfristig trägt. Und ob die Winterthurer Fasnacht künftig nicht nur an einem Wochenende im Kalender auftaucht.
Marit verdiente ihre Sporen im Lokaljournalismus bei der «Neuen Westfälischen» ab. Sie wohnt in Winterthur und arbeitet als Redaktorin im SRF Newsroom und war unter anderem bei der NZZ. Vom Pressedienst der russischen Botschaft wurde sie schon als «wenig bekannte, junge Journalistin» abgekanzelt – eine unzweifelhafte Ehre, finden wir.