«Unzumutbare Arbeitsbedingungen» – Stadtbus streikt heute früh
Heute Morgen verkehren nur knapp 25 Busse auf dem Winterthurer Netz. Die Fahrer:innen von Stadtbus Winterthur streiken von 4.30 Uhr bis 8.30 Uhr. Die Mitglieder des Verbands des Personals der öffentlichen Dienste (VPOD) fordern ausgebaute Zuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit und eine bessere Dienstplanung. Der zuständige Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) sagt, weitere Zulagen würden das Fahrpersonal unzulässig besserstellen. Und vermutet Wahlkampftaktik hinter dem Warnstreik.
Seit 4.30 Uhr ist das Busdepot in der Grüze blockiert, nur knapp 25 Busse verkehren auf dem gesamten Netzwerk – halb so viele wie an einem Sonntag. Pendler:innen müssen heute zu Fuss zur Arbeit gehen. Grund dafür ist ein Warnstreik der Gewerkschaft VPOD, der noch bis 8.30 Uhr dauern wird. Am Sonntag hatten rund 100 Mitglieder und Angestellte von Stadtbus an einer Versammlung für den Warnstreik gestimmt, wie WNTI über ein VPOD-Mitglied erfuhr. Stadtbus Winterthur beschäftigt insgesamt 364 Personen, davon 258 Chauffeur:innen.
Die zentralen Forderungen des Personals sind ein Ausbau der Zuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit und «faire» Lösungen für Einspringerdienste. Die sogenannten «ED» sind Tage im Dienstplan des Fahrpersonals, für die es auf Abruf bereit ist. Ob sie wirklich arbeiten, erfahren die Chauffeur:innen jeweils erst am Vortag um 17 Uhr. Falls nicht, fällt ihnen ein Arbeitstag weg und es entstehen Minusstunden. Jene zu vermeiden ist die dritte Forderung der Angestellten.
Heute seien Angestellte monatlich teilweise für bis zu vier dieser Ersatzdienste eingetragen, sagt der Gewerkschaftssekretär Micha Amstad gegenüber WNTI. Das sei zu viel, gerade im Vergleich mit anderen Busbetrieben. «Wir schlagen ein Modell wie in Schaffhausen oder Solothurn vor.» Dort würden Ersatzdienste auch dann vergütet, wenn sie wegfielen. Das führe laut Amstad dazu, dass sie im Dienstplan sparsamer eingesetzt würden.
«Es ist für mich keine Option, für denjenigen, der am lautesten nach mehr Lohn schreit, die Schatulle zu öffnen.»
Stefan Fritschi (FDP), Vorsteher Technische Betriebe
Der zuständige Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) sagt auf Anfrage, er habe Verständnis für die Forderung nach einer besseren Lösung betreffend der Ersatzdienste. «Wir haben vor einiger Zeit im Hinblick auf die geplante Gesprächsrunde im April bereits Bereitschaft signalisiert, etwas zu unternehmen, und einen Betrag ins Budget eingestellt.» Den Warnstreik hingegen hält er für unverhältnismässig. Zwar gibt es seit 2025 für das ÖV-Personal keinen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) mehr, den damals vereinbarten durchschnittlichen Lohn von 80’600 Franken halte Stadtbus Winterthur aber weiterhin ein. Zudem würden Entscheide im Zusammenhang mit finanziellen Entschädigungen dauern, oft hingen sie von Stadtrat oder sogar dem Parlament ab. «Es ist für mich keine Option, für denjenigen, der am lautesten nach mehr Lohn schreit, die Schatulle zu öffnen», so Fritschi. Laut der Kennzahlen in den städtischen Rechnungen hatten zuletzt 66 Prozent der Stadtbus-Angestellten ihre Zufriedenheit mit «gut» oder «sehr gut» angegeben.
Die nächste Gesprächsrunde wäre laut Fritschi im April geplant gewesen. Es sei «bedauerlich», dass die Gewerkschaft diese nicht abgewartet habe. Sekretär Micha Amstad hingegen fühlt sich «von Gespräch zu Gespräch vertröstet.» Bereits Ende 2024 seien der Stadtbus-Geschäftsleitung die Forderungen über eine Petition vorgelegt worden. «Trotz mehrmaliger Intervention stellen sich die Geschäftsleitung und der zuständige Stadtrat quer.» Zuletzt am Freitag sei seitens Stefan Fritschi ein weiteres Gesprächsangebot im Raum gestanden, parallel habe der VPOD aber ein Schreiben der Stadtbus-Geschäftsführung erhalten, in dem die Forderungen der Gewerkschaft «quasi vom Tisch gewischt» worden seien.
Am Montagabend sagte Stefan Fritschi am Rande der Parlamentssitzung, er habe der Gewerkschaft ein Angebot unterbreitet. Das um 17.05 vom Stadtrat versandte Schreiben liegt WNTI vor und schlägt vor, «eine Zeit- und Geldgutschrift bei Ersatzdiensten anzubieten, sofern nicht zwei Tage vor dem Termin ein Dienst zugeteilt wurde.» Weitere Zugeständnisse lägen nicht in der Kompetenz der Geschäftsleitung von Stadtbus, heisst es dort weiter.
Ob der Streik noch in letzter Sekunde abgewendet werden kann, blieb am Montagabend unklar. Während VPOD-Sekretär Micha Amstad sagte, der Zeitpunkt des Warnstreiks sei «kein taktisches Manöver», wurde Stefan Fritschi im Parlament deutlich: Er werde den Verdacht nicht los, dass der Zeitpunkt, der gewählt worden sei, mit dem Wahlkampf zusammenhänge. «Es ist eine unfaire Art und Weise, wie man mich auf den Grill wirft.»
Sowohl der Departementsvorsteher der technischen Betriebe als auch VPOD-Sekretär Micha Amstad befinden sich im Wahlkampf. FDP-Stadtrat Stefan Fritschi bewirbt sich um das Amt als Stadtpräsident, Micha Amstad will am 8. März erneut für die SP in den Stadtzürcher Gemeinderat.
Bilder und mehr Berichterstattung rund um den Warnstreik findest du im Laufe des Morgens auf wnti.ch und unserem Instagram.
Bildergalerie vom Busdepot
Die Busse werden an der Vorbeifahrt gehindert. Über hundert Fahrer, Geweerkschaftlerinnen und Unterstützer sind vor Ort. Das Depot wird blockiert.
Wie die meisten Journalist:innen in Winterthur studierte auch Tizian an der ZHAW. Anders als die meisten aber begann er in der Kommunikation, bevor ihn der Journalismus rief. Nach fünf Jahren bei Zuriga startete Tizian bei der Andelfinger Zeitung in den Lokaljournalismus.
Doch bereits nach zweieinhalb Jahren zog es ihn weiter. Allerdings nicht, weil er die Passion für die journalistische Paradedisziplin verloren hatte, im Gegenteil. Als Mitgründer und Chefredakteur von WNTI, macht er jetzt das, was "Winti Chinde" am besten können – über ihre Stadt erzählen.