«Fotografie kann wirklich etwas verändern»

«Wenn dem Fotojournalismus nicht mehr geglaubt wird, braucht es ihn nicht mehr» so Manuel Bauer. Der preisgekrönte Winterthurer Fotograf packt eine grosse Bildtafel aus und stellt sie an die Wand. Damit es Fotojournalismus weiterhin gibt, unterstützt er mit seinem Förderprogramm TruePicture junge Fotograf:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Vier Projekte werden ab Freitag in Winterthur ausgestellt.

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Manuel Bauer ist bekannt für seine Bilder vom Dalai Lama (Bild: Kiino Schoch)

Motivation hinter dem Förderprojekt ist der Druck im Journalismus, den auch den Fotojournalismus trifft. Zudem stellen Fotos nicht mehr immer die Wahrheit dar, es gibt KI und Bildbearbeitung, die ermöglichen ein Bild nach Wunsch zu manipulieren. «Das ist schade, weil Fotografie kann wirklich etwas bewegen.» So hätten zum Beispiel Bilder des Vietnam-Krieges die öffentliche Meinung in den USA verändert. «Besonders Demokratien, aber auch Nicht-Demokratien brauchen Fotos, die festhalten.» Fotojournalismus wolle festhalten, was direkt in dem Moment passiert. «Da ist das Projekt von Julius Schien etwas Besonderes, er zeigt etwas, das in der Vergangenheit liegt.»

Julius Schien gewann 2023 den Honorable Mention von TruePicture. Sein Projekt heisst «Rechtes Land» und wird in der Coalmine zu sehen sein. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands gab es über 200 rechtsextreme Gewalttaten, die zu Toten führten. Schien recherchiert die Verbrechen und fotografiert den Tatort, bereits 120 hat er festgehalten. Er erforsche in Zeitungsausschnitten und Gerichtsurkunden akribisch, was passierte, sagt Manuel Bauer. Mit seinen Bildern zeige er subtil, «es kann überall passieren». Darauf zu sehen sind normale Orte wie eine Strassenecke, ein Wald oder ein Einfamilienhausquartier. Durch das Wissen entsteht ein Widerspruch zwischen dem neutralen Bild und der Geschichte dazu.

Bauer sagt über die Ausstellungen:

«Alle haben das Bedürfnis, ein Thema zu dokumentieren, bei dem sie finden, das geht so nicht, sodass wir uns damit auseinandersetzen müssen.»

Die anderen drei Ausstellungen sind im Museum Schaffen zu sehen. Johanna Maria Fritz zeigt mit «Wargrown» die Lebensumstände von Jugendlichen, die nahe der Frontlinie in der Ukraine aufwachsen. Sie gewann den Award 2023 mit ihrem Projekt. Seit dem zweiten Tag der russischen Invasion sei sie immer wieder vor Ort.

Auch Chiara Wettmann gewann den Award und stellt ihre Arbeit «Staatenlos» aus. Sie dokumentiert Menschen in der Côte d’Ivoire, Kuwait, Libanon und Syrien, die von keinem Staat als Bürger:innen anerkannt werden. Dazu gehören Flüchtende, Migrant:innen, aber auch ganze Völker, die vom Staat nicht anerkannt werden.

Aline Bovard Rudaz’ Arbeit «Cherche Radiumineuse» habe eher einen künstlerischen Ansatz, sagt Bauer. Sie recherchiere in Archiven zur Uhrenindustrie. Frauen mussten Uhrzeiger und Zifferblätter mit radiumhaltiger Farbe bemalen. Davon wurden die Frauen krank und die Uhrenindustrie profitierte. Mit ihren Fotos möchte sie die Geschichte nahbarer machen.

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Ergänzend zur Ausstellung werden thematisch passende Filme in der Coalmine gezeigt. (Bild: Kiino Schoch) (Bild: Kiino Schoch)

Mit dem TruePicture Award unterstützt der Verein jährlich junge Fotograf:innen mit je 15’000 Franken und gleichzeitig einem Mentoring Programm. Dafür bewerben können sich nur Personen, die von einem Komitee vorgeschlagen wurden. Diese dürfen ein Portfolio, Motivationsschreiben und eine Projektidee einreichen. Eine Jury kürt die drei gewinnenden Projektideen und kann zwei «Honorable Mentions» verteilen. 

Das Spezielle daran: Es gibt noch keine Fotos. Schliesslich haben die Ideen gewonnen, keine fertigen Bilder. «Falls sich ein Thema als unrealisierbar entpuppt oder die Idee schlichtweg scheitert, haben wir 15’000 Franken ausgegeben. Wir gehen ein Risiko ein und

signalisieren dadurch Vertrauen in die Fotograf:innen», sagt Bauer. «Das macht uns, glaube ich, einzigartig, dass wir von den Fotograf:innen aus denken.»

Es gebe keine Deadline, deswegen sind die Projekte zu unterschiedlichen Zeiten fertig. Eine Ausstellung eines Gewinnerinnenjahrgangs ergebe deshalb wenig Sinn. Aus diesem Grund ist die diesjährige Ausstellung von zwei Gewinnerinnen, einer Nominierten und einer «Honorable Mention».

Kiino Schoch

Kiino kommt nicht nur aus Winterthur, sondern auch aus der Talentschmiede des ZHAW-Studiengangs Kommunikation. Ihr erster Text im Kulturmagazin Coucou war ein Wurf. Umso schöner, entschied sie sich für ein viermonatiges Praktikum bei WNTI.

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