Die Kulturstadt sucht Raum

Wohin mit der Kultur, wenn der Platz eng wird? Mit dieser Frage traf sich am Samstag die Winterthurer Kulturszene in Hegi. Eine diskutierte Lösung sind Zwischennutzungen. WNTI hat sich das genauer angeschaut

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Das Campo füllt sich rasant. An diesem regnerischen Samstagmorgen finden 120 Menschen ihren Weg nach Hegi, um über Kultur zu sprechen. Das sind deutlich mehr, als erwartet wurden, wie Patrick Brunner, zuständig für die Infrastruktur des Campo, sagt. Er sorgt dafür, dass genügend Stühle bereitstehen und alle einen Platz finden.

Neben dem Summen der Kaffeemaschine gibt es freudiges Wiedersehen: Die abtretende Co-Geschäftsleiterin der Musikfestwochen Lotta Widmer unterhält sich mit ihrem Nachfolger Nik Müller-Crepon. Der abtretende Stadtpräsident Mike Künzle begrüsst seinen eventuellen Nachfolger Stadtrat Stefan Fritschi. Dazwischen nehmen Coucou-Kulturredaktor Julius Schmidt, Cameo-Kinoleitung Liliane Hollinger und Lauschig-Initiatorin Ramona Früh ihre Plätze ein.

«Das Ziel dieser Veranstaltung ist es, die Kulturschaffenden von Winterthur zu vernetzen und zu aktuellen Themen in den Dialog zu treten»

Tanja Scartazzini, Leiterin Amt für Kultur

Organisiert hat den Anlass das Amt für Kultur (AfK) unter der Leitung von Tanja Scartazzini. «Das Ziel dieser Veranstaltung ist es, die Kulturschaffenden von Winterthur zu vernetzen und zu aktuellen Themen in den Dialog zu treten», sagt sie. Das Thema: Stadtentwicklung, Zwischennutzung und Vision. Der Austragungsort ist bewusst gewählt: Das Campo ist selbst eine Zwischennutzung, betrieben von der Stiftung Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG). Bis voraussichtlich im Sommer 2027 dient es als Raum für Gastronomie, Events und Begegnungen.

Den Auftakt macht der amtierende Stadtpräsident Mike Künzle mit den Worten: «Ich bin erschlagen.» Auch er zeigt sich überwältigt von der Zahl der Anwesenden. So ziemlich jede:r Winterthurer Kulturakteur:in ist vertreten, darunter Bettina Durrer, Gesamtleiterin des Theater Winterthurs, und Susanna Kumschick, Leiterin des Gewerbemuseums.

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Susanna Kumschick (links) und Bettina Durrer (rechts) müssen sich nicht um Platz in der Stadt sorgen. (Bild: Robyne Dubief)

Bettina Durrer ist gekommen, um die gesamte Kulturstadt anzutreffen. «Es gibt nur wenige Gelegenheiten, alle zu sehen», sagt sie. Um einen Raum in der Stadt müssen die beiden nicht besorgt sein, das Gewerbemuseum und das Theater Winterthur sind beide fix im Stadtplan verankert. Susanna Kumschick sagt: «Wir haben einen Ort, an dem wir zu Hause sind. Aber es ist immer wieder gut zu überlegen, wie man diesen Ort pflegen und weiter nutzen und auch Kooperationen suchen kann.»

Die Teilnehmenden sind divers. Neben den grossen Institutionen sind auch einzelne Kulturakteur:innen dabei, wie die Lyrikerin und Autorin Ruth Loosli. Sie ist in der Literarischen Vereinigung aktiv, die in der Coalmine beheimatet ist. «Es ist gut, wenn Kultur und Stadt näher zusammenkommen und wir merken, dass die Verwaltung aus Menschen besteht», sagt sie. Besonders gespannt ist sie auf die Vorstellung des Projekts Kulturraum Speicher.

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Lyrikerin Ruth Loosli freut sich, alle wiederzusehen. (Bild: Robyne Dubief)

Zurück auf der Bühne präsentiert das AfK ihr Projekt «Kulturraum Speicher». Als das ehemalige Kornhaus leerstand, besichtigte das AfK das Gebäude, erarbeitete Nutzungskonzepte und koordinierte die Zusammenarbeit mit der Immobilienhalterin. Das Ergebnis ist ein Haus mit Atelierplätzen, Probe- und Kreativräumen. Einziehen wird unter anderem das Kuratoren-Duo NEU!, bestehend aus Jürgen Baumann und Bene Andrist. Sie wollen einen Artist-Run-Space, einen unabhängigen, künstlerischen Projektraum, aufbauen. «Es ist schön, in Winterthur einen Ort zu haben, an dem Kunstschaffende zusammenfinden», sagt Bene Andrist.

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Jürgen Baumann (links) und Bene Andrist (rechts) ziehen im Kulturraum Speicher ein. (Bild: Robyne Dubief)

Für Jürgen Baumann vermitteln sowohl der Kulturraum Speicher als auch das Forum selbst ein Gefühl der Wertschätzung. «Ich schätze es sehr, als Kulturakteur diese Möglichkeit der Vernetzung zu erhalten. Man hat das Gefühl, gehört zu werden, und dass man mitgestalten kann.»

Das Forum beschränkt sich nicht auf Präsentationen. Das AfK lädt zu Dialoggruppen ein, die sich je einem Thema widmen – etwa Kooperation und Governance oder Freiräume und Aussenräume. Dabei werden auch Schwierigkeiten benannt: Kulturschaffende bemängeln, dass verfügbare Flächen schwer zu finden sind. Ist eine Fläche gefunden, fehlt oft die Übersicht, welches Amt welche Bewilligung für welche Veranstaltung verlangt.

Als Hilfsmittel existiert bereits der «Stadtplan der Nutzungen», der öffentliche Räume verzeichnet. Im Dialog zeigt sich aber, dass der Plan noch rudimentär ist: Er lässt sich weder nach Nutzungszeiten noch nach Lärmpegeln filtern. Der Wunsch nach einer verbesserten Version ist in diesem Dialograum direkt bei der Stadt gelandet.

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Flurin Wäger holt sich vor dem Dialog eine Koffein-Stärkung. (Bild: Robyne Dubief)

«Kulturstadt ist ein grosser Begriff, hinter dem viel Arbeit verschiedenster Akteur:innen steckt und in den auch in Zukunft viel investiert werden muss», sagt Flurin Wäger. Er arbeitet seit dem 1. März bei der Geschäftsstelle Kulturlobby. Der Verein zählt 120 Mitglieder – exakt so viele, wie heute anwesend sind. Überschneidungen seien gut möglich, meint er und schmunzelt. Sein Fazit: «Dieser Anlass ist ein guter Ort, um in den Austausch zu kommen und sich zu vernetzen. Das ist wichtig für die Kultur in Winterthur.»

Das Bedürfnis nach Austausch ist definitiv da. Selbst nach der Veranstaltung im Bus 680 zurück in die Stadt gehen die Gespräche weiter. Ein gutes Zeichen für die Kulturstadt Winterthur.

Olivia Ruffiner

Olivia Ruffiner ist Journalistin und Wahl-Winterthurerin. Sie ist aktiv in der Kulturszene, etwa als Mitorganisatorin des «Drink + Draw» Winti, und berichtet schwerpunktmässig über alles, was in Winterthur gemalt wird.

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